Mailo mal anders

Um die Wartezeit auf die sogenannte Fortsetzung von „Schweigen ist Gold“ zu überbrücken, hier ein paar Auszüge aus meinen Schreibübungen nach Bonni Goldberg.

HUNGER

Der Hunger ließ mich nicht mehr klardenken. 

Wenn er Hunger hat, ist er immer unausstehlich, das sagt Mina immer zu den Angehörigen, wenn ich wieder etwas sagte, was in ihren Augen nicht sehr sensibel war. 

Ich sage Ihnen, Erpresser, Barkeeper, Alleinunterhalter und Bestatter in einem zu sein, ist nicht einfach. 

Es kommt oft vor, dass sich die Identitäten, die ich versuchte,getrennt voneinander zu wahren, miteinander vermischten und ich nicht mehr wusste, welche Rolle ich grade spielte. 

Umso wichtiger war es, dass ich meinen Körper mit allen Nährstoffen versorgte. Fast Food und anderes ungesundes Zeug kam mir nicht oder nur selten auf den Teller, auch keine Fertiggerichte. Mein Körper ist einzigartig und ein Wunderwerk, den ich nicht einfach so gehen lassen konnte. 

Während meine Schwester wieder ein nervenzehrendes Beratungsgespräch führte, trollte ich mich also in meinen Wagen und fuhr im lokalen Supermarkt vorbei – um für die Teambesprechung nach dem Mittag Obst und Gemüse zu kaufen. 

Sicher würden sich die meisten über Donuts, Chips oder Burger mehr freuen, aber all das verlangsamte und verkürzte unser Leben nur unnötig. Das konnte ich nicht zu lassen. 

Den Korb voll Früchte und Gemüse kehrte ich kurz darauf in unser Büro zurück. 

In der Küche breitete ich die Spießchen sowie ein paar Smoothies und andere alkoholfreie Cocktails zu. 

Das war der Teil, in der sich die Identitäten wieder vermischten. Alle hier im Institut liebten meine kleinen Snackpausen, und ich auch. 

Alle saßen schon gespannt und hungrig an dem großen Tisch versammelt. Die Konferenz konnte beginnen.

 

***

 

DU BIST, WAS DU FÄHRST

 

Mein kleiner Roadster glitt durch die nächtlichen Rotenburger Straßen. 

Kaum beleuchtet, kaum lebendig – ein Paradies für jeden Nachtschwärmer. 

Im Player hatte ich eine alte Kassette, ein Mixtape, das mir ein Mädchen aus der Schule einmal geschenkt hatte, als Art Liebesbeweis. 

Ihre Gefühle konnte und wollte ich nicht erwidern, aber das Mixtape behielt ich all die Jahre lang. Es waren schöne Lieder dabei. Die Achtziger pur. 

Doch meistens fuhr ich stumm durch die Straßen, lauschte dem Schnurren des Motors, dem Klang der sich schließenden Türen, der Gangschaltung. 

Die Nacht war für mich die schönste Zeit des Tages. Ich fragte mich manchmal, warum die Leute den Tag so viel lieber mochten. 

Mein Wagen und ich waren schon seit langer Zeit ein gutes Team. Er hat mich zu vielen meiner Patienten gebracht, hat viele Geldübergaben mitbekommen und mich durch Höhen und Tiefen meines Lebens begleitet. 

Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl, als ich den Wagen bei einem Händler meines Vertrauens abgeholt hatte. Stolz, Freude, Glück – Dinge, die ich nicht oft empfand. 

Für jemanden, der sein Gefühl schon vor vielen Jahren getötet hatte, waren das sehr kostbare Momente. Die meisten davon teilte ich mit meiner Schwester Mina, und mit meinem Auto.

Mein Auto war mein Heiligtum, mein Baby. 

Jedes Mal, wenn ich um die Kurve fuhr, rasselte etwas. 

Etwas, dass die Zwillinge in die Ritzen gesteckt hatten, und das jetzt nicht mehr rausging. Ich nehm an, es waren Cent Stücke. (Besser sie steckten sie in die Autoritzen, als sie zu verschlucken.)

All das gehörte zu meinem Auto wie die Beule in der rechten Tür, der Kratzer im Nummernschild und das alte Kassettendeck. 

So wie ich Narben mein eigen zählte, hatte auch mein Auto einige Narben. So waren wir uns auch in dieser Hinsicht ähnlich.

Meine nächtliche Patrouillenfahrt – wie Mina es immer nannte – war beendet und ich stellte den Wagen neben Minas altem Golf ab. Doch der hatte seine ganz eigene Geschichte …

***

PERSPEKTIVWECHSEL

Ich stand am Bahnhof und spürte unangenehme Blicke auf mir lasten. 

Aber nicht nur am Bahnhof, auch in der Schlange im Supermarkt, beim alltäglichen Spaziergang mit dem Hund der Nachbarin oder auch nur an der Ampel. 

Als ich mich das erste Mal als Gracie verkleidet hatte, war es mehr ein Experiment, wie es sich als Frau, und nicht als Mann anfühlte. 

Es war eine aufwendige Maskerade, knapp drei Stunden hatte es gedauert, bis mein Körper nicht mehr annähernd männlich aussah. 

In der heutigen Zeit wurde ich mehr denn je gefeiert, zu meinem wahren Ich zu stehen. Sicher war das völliger Blödsinn, ich war immer noch ich, Mailo Klemens, aber Gracie hat etwas in mir verändert. 

Und kam mir jemand blöd, hatte ich durch das tolle neue Selbstbestimmungsgesetz allen Grund, ihn zu verklagen.

Ein Mensch wie ich muss für alles offen sein und darf sich für nichts zu schade sein. 

So gehörte auch ein Perspektivwechsel zu meinem Plan, meine Artgenossen zu entlarven, die mir – einem verkleideten Mann – schamlos hinterherpfiffen und ungezügelte Kommentare losließen, oder nicht selten auch grapschten.  

Ein Grund mehr, mich für die Rechte der Benachteiligten in unserer Gesellschaft einzusetzen, und da gehörten Frauen leider immer noch dazu. 

Sicher gibt es von meiner Zunft auch nette Menschen, die sich Frauen gebührlich und manierlich gegenüber verhielten, sie auf Händen trugen oder ein Leben lang an ihrer Seite standen. Diese waren ein kostbares Juwel, die es zu beschützen galt. Auf dass sie nicht durch falsche Lehren im Internet oder anderen zweifelhaften Gurus – und da zähle ich die Kirche mit dazu – vom richtigen Pfad abkamen.

***

RITUALE

Ich hielt mit meinem Wagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Auch mit ihr verfuhr ich so wie mit all meinen Patienten. 

Das Ritual verlangte es so. Es war ein immer gleicher Prozess: 

Phase 1 – Die Menschen kamen in meinem Pub, bestellten sich ein (meist alkoholisches) Getränk und berichteten mir dann von ihrem Tag. Durch ein paar geschickte Fragen konnte ich das ein oder andere über sie in Erfahrung bringen, ohne dass sie es merkten. 

Wenn ich dann das ein oder andere erfahren hatte, was die Person möglicherweise belastete.

Phase 2 – Beweise sammeln. Wollte ich den anderen Menschen wirklich erpressen, dann musste ich stichhaltige Beweise sammeln. Seien es Fotos, Briefe, Anrufe, SMS und Nachrichten. Alles konnte von Wert sein.

Phase 3 – Beschattung. In dieser Phase befand ich mich gerade. Das Zielsubjekt kam gerade vom Einkaufen nach Hause. Das Baby im Maxi Cosi in der linken, die Einkaufstasche in der rechten Hand und das Handy klemmte zwischen Ohr und Schulter. 

Sie stellte den Säugling ab, um die Haustür aufzuschließen. Elegant nahm sie das Baby wieder auf und verschwand im Haus und somit aus meinem Sichtfeld.  

Vorerst hatte ich genug gesehen. Und heute Abend würde sie mich direkt zu ihrem neuen Liebhaber führen.


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