Am Morgen des zweiten Dezembers zog ich meine Küchenvorhänge beiseite.
Spärlich fiel das graue Tagelicht in meine bescheidenen Räumlichkeiten. Ich ließ – mit der Kaffeetasse in der Hand – den Blick schweifen.
Nichts hatte sich über Nacht verändert. Alle Bäume waren noch an der gleichen Stelle, alle Blumenkübel, alle Bänke, alle Mülleimer, die städtische Weihnachtsbeleuchtung.
Nur ich hatte mich verändert. Oder besser gesagt, meine Einstellung zum Thema Leben.
Wenn mich die Arbeit in dem Beruf eines lehrt, dann wie schnell sich alles ändert, innerhalb von Sekunden. Wie die Macht der Entscheidung uns Menschen beeinflusst. Sie führt uns entweder schleichend in den Tod oder wieder zurück ins Leben.
Deshalb entschied mich für den Weg zurück ins Leben. Fox tänzelte schon unruhig um meine Füße, flitzte durch den Flur und brachte mir die Leine zum Gassi gehen. Der Hund war wie verrückt auf Schnee.
„Ich komme.“, rief ich und trank den letzten Schluck Kaffee. Ich stellte die Tasse auf den Tisch und verließ mit Fox meine Wohnung. Es war noch dämmrig, die magische Stunde zwischen Nacht und Tag.
Es war ein schöner, fast schon magischer Moment. Zum Glück kamen mir nicht viele Menschen entgegen, ich musste mich nicht mit lästigem Smalltalk aufhalten und so beendete ich den Spaziergang nach einer Stunde. Eine lange Runde schon am frühen Morgen – ich war selbst von mir überrascht.
Ich setzte mich ins Büro, Fox legte sich auf seinen Platz unter dem Schreibtisch und ich begann schon mal mit der Büroarbeit. E-Mails checken, Rentenformulare ausfülle, schauen, ob die Kunden auch fleißig bezahlten. All die lästigen Tätigkeiten.
In meinem Postfach fand sich auch eine Mail der Polizei über unseren verstorbenen Kleinwüchsigen des gestrigen Abends.
In Bezug auf Personenstandsurkunden und Angehörige des Mannes konnten sie mir nicht weiterhelfen. Es wäre auch zu schön gewesen. Ich wartete, bis meine Mitarbeiter eintrudelten, gab ihnen ein kurzes Briefing und widmete mich dann endlich dem Koffer, den ich von unserem Verstorbenen mitgenommen hatte.
Ich nahm ihn mit in mein Büro im Haupthaus und breitete ihn auf dem freigeräumten Schreibtisch aus. Der Inhalt des Koffers bestand, wie ich gestern schon grob festgestellt hatte, aus drei knallbunten Seidentüchern, einem ziemlich abgewetzten Spielkartenset und einem Plastiktotenschädel. Dieser grinste mich unverhohlen an und jagte mir eine Gänsehaut über den Körper. Ich wühlte mich tiefer durch den Krempel und fördert neben den anderen Dingen auch noch ein Holzwürfel mit seltsamen Symbolen. Sie wirkten fast okkultisch. Ich drehte den Würfel ein paar Mal in meiner Hand, als dieser plötzlich zu vibrieren und zu leuchten begann. Vor Schreck ließ ich ihn fallen. Mit einem lauten poltern fiel er auf die Schreibtischplatte und mit einem Leuchten zerbrach er in zwei Teile. Mein schummriges Büro wurde für einen Moment fast taghell erleuchtet und ich geblendet. Erschrocken ging ich einige Meter zurück und starrte auf den nun zerbrochenen Würfel.
Das Leuchten war verloschen, nur die seltsamen Symbole wurden nur noch durch einen schwachen Schimmer erhellt. Ich berührte den Würfel vorsichtig. Er surrte, als stünde er unter Strom. Ich zog meine Hand weg. Irritiert blinzelte ich ein paar Mal, riss mich dann zusammen und packte den Würfel zurück in den Koffer.
Da fürchtete ich mich als gestandener Mann und Bestatter schon vor einem Würfel … Ich holte aus meiner Hose ein Taschenmesser und schlitzte das Futter des Koffers auf. Die Erfahrung lehrte mich, dass Menschen bei der Wahl ihrer Verstecke von Generation zu Generation erfinderischer werden.
So kam es, dass ich tatsächlich fündig wurde. Neben ein paar Geldscheinen fand ich auch einen Brief. Diesen nahm ich an mich und faltete ihn auseinander.
Sehr geehrter Finder,
ich freue mich, dass du über meinen Koffer gestolpert bist.
Solltest du den Brief finden und lesen, bin ich bereits tot oder anderweitig verhindert, dir alles zu erklären. Daher mache ich das jetzt in diesem kurzen Brief:
Dieser Koffer samt Inhalt ist mein Erbe – und du bist somit mein Begünstigter.
Halte diesen Koffer in Ehren, denn auf deiner wilden Reise namens Leben wirst du ihn noch brauchen.
Mit zauberhaften Grüßen, dein anonymer Freund.
Ich runzelte die Stirn und ließ den Zettel mit der krakeligen Handschrift sinken. Ich als Begünstigter eines völligen Fremden? Das konnte nicht wahr sein! Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nichts von einem Alexander Michels gehört.
Ich lief zum Telefon im Flur und wählte die Nummer der Polizei. Vielleicht konnten die mir den verfluchten Koffer ja abnehmen. Doch irgendwas schien mit meiner Leitung nicht in Ordnung zu sein … es knackte, aber niemand nahm ab.
Frustriert knallte ich den Hörer auf die Gabel, lies den Koffer im Büro hinter mir und schlurfte für einen weiteren Apfelpunsch und dem zweiten Teil meiner Geschichte in mein Wohnzimmer. Doch als mein Blick erneut aus dem Fenster auf die verschneiten Straßen fiel, traute ich meinen Augen nicht.
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