Ferryman‘s Delight, Rotenburg Fuldaufer, 31. Oktober 2024, 19:30 Uhr, ein Jahr vor den aktuellen Ereignissen
Monster = furchterregendes, hässliches Fabelwesen, Ungeheuer von fantastischer, meist riesenhafter Gestalt.
Aber woher rühren diese Ängste vor Fantasiegestalten? Darauf gibt es eigentlich nur eine Antwort: All die Fantasien sollen das verschleiern, vor dem wir uns fürchten sollten: dem Mensch.
Denn sind nicht die meisten Monster, die unter uns weilen, menschengemacht? Sei es aus Unwissenheit, aus Neugier, aus aus religiösen Wahn, aus Fehlern, ihrer Vergangenheit, durch psychische Erkrankungen?
Mein ganzer Pub sitzt voll menschengemachter Monster – und das nicht nur an Halloween, sondern an jedem anderen Tag auch.
Auch wir feiern heute Halloween in meinem Allerheiligsten: Die Stimmung ist gut, ausgelassen, die Musik gut, die Menschen trotz unterschiedlicher Ansichten eine Einheit.
Heute ist der Tag, an dem alle vorgeben, Monster zu sein. Sie verschleiern ihr wahres Ich, geben vor etwas zu sein, was sie nicht sind.
Der Teufel in Verkleidung, die Bestie in Menschengestalt.
Auch ich gebe täglich vor, jemand zu sein, der ich nicht bin.
Ich gebe vor, Richter zu sein, Henker, Antiheld, edler Ritter, der Rächer der Unterdrückten, dabei bin ich nichts weiter als das Monster, zu dem mich meine Vergangenheit gemacht hat.
All die edlen Motive, die ich an den Tag lege, die Arschlöcher, von denen ich mir das Geld nehme, sind nur ein Ventil.
Ein Ventil, meiner Ungeduld und meinem Frust, meiner angeborenen Wut und Langeweile Luft zu machen.
Ich bin der Fährmann – Charon. Für einen Obolus, die Bezahlung für deine Sünden. Und wenn du mich nicht bezahlen kannst – keiner weiß, was mit dir geschieht …
… oder wollt ihr es wissen?
-Zeitsprung: 23:15 Uhr–
Heute Nacht ist es soweit. Es wird geschehen, wieder und wieder. Es muss passieren.
Zwar ist es eines meiner selbst auferlegten Tabus, es gehört nicht in den Kodex. Aber nicht heute – nicht an dem Tag, an dem sich die Welt zwischen den Toten und den Lebenden öffnen.
Nebel zieht durch die Gassen, und ich spüre ihre Anwesenheit. Die Geister der Vergangenheit verfolgen mich mit jedem Schritt, den ich auf das Haus meines Opfers zu mache: Ein Mitglied aus dem städtischen Bauhofs, der viel Geld für ein gefälschtes Bodengutachten für den Bau einer neuen Stadtimmobilie ausgegeben hat.
Da bleibt für einen kleinen Erpresser wie mich natürlich nicht viel übrig und es kam, wie es kommen musste: er konnte die geforderte Summe nicht bezahlen.
Jetzt bin ich auf dem Weg zu ihm – die Maske auf meinem Gesicht verhüllt meine vielen Identitäten. Der Weg zu ihm ist leicht – durch die offene Kellertür, da hier niemand seine Türen abschließt, ins Schlafzimmer und mit dem kalten Klinge direkt in seine Brust.
Ich spüre schon die wohligen Wellen die meinen Körper durchfließen, die stumme Verzückung und ekstatische Vorfreude!
Endlich ist es soweit. Meine behandschuhte Hand drückt die Klinke – und ich trete ein in sein Reich. Leise, wie ein Raubtier auf Beutezug. Aus zuverlässiger Quelle weiß ich, dass er Alleinstehend ist. Ich schleiche die Treppen weiter nach oben und öffne die Tür zu seinem Schlafzimmer. Die Digitalanzeige seines Weckers zeigte 23:45 Uhr – mir bleibt also noch eine viertel Stunde bevor ich mit meinem Vorhaben wieder gegen den Kodex verstoße.
Ich ziehe das Messer aus meinem Hosenbund, das im fahlen Licht des Mondes silbern glitzert.
Und dann geht alles ganz schnell: Mein Schatten verdeckt den schlafenden Körper, ich erhebe das Messer und lasse es auf seine Brust sinken.
Ein präziser Stich in die Herzgegend und ein Mensch, der gelebt, geliebt und eine Familie hatte, war nicht mehr.
Lächelnd betrachte ich den leblosen Körper und und ziehe das Messer aus der Brust.
Das Blut an dessen Spitze schimmert schwarz im Mondlicht. Nicht mal eine Minute hat es gedauert.
Die Digitalanzeige des Weckers zeigt 23:46 Uhr und ich entferne mich auf gleichem Wege, wie ich gekommen bin.
Wie ein Geist meiner Vergangenheit. An dem Tag an dem wir Monster Monster sein dürfen.


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