Tick, Tack.
Im Wohnzimmer der Wohnung seiner Mutter war nichts zu hören, als das überlaute Ticken der alten Wanduhr. Die schien noch aus Urgrossmutters Zeiten zu stammen. Viel wusste Polizist Brian Cooper nicht mehr über seine Verwandten, kannte die meisten nur aus Erzählungen.
Seine Mutter wiederum saß im Sessel ihm gegenüber und schob mit der Gabel die übriggebliebenen Erbsen des geschmacklosen Hühnerfrikassees von einer Tellerseite auf die andere und wieder zurück. Sie schniefte zwei Mal kurz und Brian lief schnell um den Tisch, um ihr die Nase zu putzen. „Danke, Cecil.“, piepste sie und lächelte für wenige Sekunden. Dann erstarrte ihre Miene wieder und ihr Blick glitt wieder ins Nichts.
„Danke Cecil.“, wiederholte sie leise.
„Brian.“, er seufzte, „ich heiße Brian. Wer auch immer Cecil ist.“
Sie schaute ihn für wenige Minuten fragend und durchbohrend an; dieser Blick jagte ihm immer einen Schauer über den Rücken.
„Mama, ist irgendwas nicht in Ordnung?“, fragte er. „Hat das Essen nicht geschmeckt?“
„Cecil, du weißt wohl nicht mehr, dass ich keine Erbsen mag!“, stellte sie fest und beendete den forschenden Blick. Es klang sanft und liebenswürdig, kein bisschen vorwurfsvoll.
„Ist mir wohl entfallen. Tut mir leid, kommt nicht wieder vor.“, er lächelte entschuldigend, „aber ich bin trotzdem nicht Cecil.“
„Wer bist du dann?“, fragte die Frau, die ihn einst zur Welt gebracht hatte.
Brian schluckte schwer. „Ich bin Brian, dein Sohn. Du scheinst Cecil zu mögen. Magst du mir ein bisschen über ihn erzählen?“, fragte er und lächelte warm.
Wieder huschte ein Lächeln über die Lippen seiner Mutter. Wer auch immer Cecil war, er musste ihr viel bedeuten.
„Cecil war mein allererster Freund. Da war ich siebzehn und habe noch mit meinen Eltern in einem Londoner Vorort gelebt. Wir sind immer in die Ferien an die Küste gefahren, da gab es so einen Wohnwagenpark. Meine Eltern, mein Bruder Morty und ich. Eines Abends am Strand – ich hatte mich heimlich weggeschlichen – habe ich Cecil kennengelernt, er hat in dem Wohnwagen schräg gegenüber gewohnt. Es war Liebe auf den ersten Blick.“
„Das ist eine schöne Geschichte. Die hast du noch nie erzählt.“, sagte Brian. Er nahm seiner Mutter liebevoll die Gabel aus der Hand und legte sie auf den Teller. Diesen nahm er an sich und stellte ihn auf seinen. Einige Erbsen fielen dabei herunter und kullerten über die Tischdecke.
Sie kicherte. „Naja, ich habe doch jetzt einen neuen Mann und der hört das bestimmt gar nicht gerne, wenn ich über meine verflossenen Liebhaber spreche.“
„Der ist doch aber grad nicht hier, oder? Also erzähl ruhig weiter.“, ermutigte er seine Mutter. Doch die sah ihn wieder fragend an.
„Was soll ich denn erzählen?“, fragte sie.
„Du hast mir von dem Urlaub erzählt, in dem du Cecil kennengelernt hast, deinen ersten Freund.“
„Ach so, ja, ja.“
Wieder starrte sie ins Nichts.
„Was hat euch auseinandergebracht?“, fragte Brian.
„Das Leben, der Krieg. Ich glaube, er ist im Krieg gefallen. Seine Familie auch. Als wir im Jahr nach Kriegsende wieder an die Küste fuhren, war Cecil nicht mehr da.“
Sie schniefte erneut. Wieder sprang Brian auf und putzte ihr die Nase.
„Das tut mir leid.“, sagte er.
„Wer sind Sie nochmal?“, fragte sie matt, doch plötzlich klingelte es an der Tür.
Plötzlich durchfuhr ein beängstigender Wandel die alte Frau: Ihre Augen wurden groß und sie sprang auf, als hätte eine unsichtbare Macht von ihr Besitz ergriffen.
Sie stieß Brian zur Seite und hastete zu ihrem Rollator.
„Elena!“, rief sie aufgeregt und schob sich so schnell vorwärts, wie sie nur konnte.
„Nein, Mama!“, rief Brian. „Elena ist tot, sie kommt nicht wieder!“, sagte er konsequent; die ständigen Diskussionen leid.
„Quatsch! Mein Mädchen kommt jetzt vom Reitunterricht nach Hause. Kellner, holen Sie noch ein Gedeck, nach dem Training hat sie immer Hunger.“
Brian tat nichts dergleichen, sondern schob sich nur an seiner Mutter vorbei und öffnete die Tür. Davor stand überraschend der junge Bestatter, den er am Vormittag am Tatort im Antiquitätenladen kennengelernt hatte. Ein alter Antiquitätenhändler wurde brutal ausgeraubt und erschlagen.
Brian musterte den Bestatter skeptisch. In seiner linken Hand hielt er eine Plastiktüte mit Styroporverpackungen, aus dem der Duft von gebratenen Nudeln strömte.
„Ha!“, rief seine Mutter aus, „Der Fernsehtechniker! Um diese Uhrzeit noch? Ich habe jetzt aber keinen Kaffee mehr für Sie!“
„Ich brauche keinen Kaffee, danke.“, Mathis grinste schief und Brian zuckte entschuldigend die Schultern, „Ich bin eigentlich hier, weil ich zu Brian will. Brian Cooper.“
„Dem Kellner?“
„Ja, dem … dem Kellner.“, erwiderte Mathis verwirrt und schloss die Tür.
„Ich dachte, es wäre meine Elena. Naja, dann kann ich ja auch wieder ins Wohnzimmer.“
Ein Kirchenlied vor sich her summend schob sich Brians Mutter wieder zurück ins Wohnzimmer und ließ sich in den großen Fernsehsessel plumpsen.
***
„Ich muss mich entschuldigen“, sagte er, „es ist im Moment nicht ganz so einfach bei mir.“, er nahm einen Zug an seiner Zigarette, stand vor Mathis lässig ans Balkongeländer gelehnt und beobachtete ihn. „Aber dringen Sie immer ungefragt in fremde Wohnungen ein?“
„Hey, Ihre Mutter hat mich reingelassen!“, er hob abwehrend die Hände. „Ich bin auch nur gekommen, weil ich in Zimmermanns persönlichen Sachen etwas gefunden habe, was sie vielleicht interessieren könnte.“
Brian hob eine Augenbraue. „So, was denn?“, er verschränkte die Arme.
In durchsichtige Plastiktüten verpackt, holte der Bestatter einige Sachen aus seiner olivgrünen Umhängetasche und breitete sie vor Brian auf dem Tisch aus.
„Sie wissen schon, dass Sie ohne meine Erlaubnis keine Beweismittel durchsuchen dürfen?“
„Ach was, ich war vorsichtig und hatte Handschuhe an. Außerdem mache ich das nicht zum ersten Mal. Ohne mich hätten Sie die wahrscheinlich gar nicht gefunden.“
„Ich gebe es ungern zu, aber da könnten Sie recht haben.“
Vor ihnen ausgebreitet lag der Inhalt von Walter Zimmermanns Sachen, einige waren stark blutverschmiert.
Eine altmodische Taschenuhr, eine zerknitterte Version des neuen Testaments im handlichen Taschenbuchformat, eine Kette mit einem gekreuzigten Jesus, benutzte Taschentücher und Kleingeld, ein Hausschlüssel und einen kleinen Zettel.
Brian drehte das herausgerissene Papier mit der blutroten Inschrift zwischen den behandschuhten Händen und las ihn schon zum dritten Mal. Es war ein Teil des neuen Testaments, über den mit rotem Filzstift in Großbuchstaben ROT WIE BLUT geschrieben stand.
„Rot wie Blut, rot wie Blut … an was erinnert mich das?“, fragte er leise.
Mathis nahm einen Schluck aus der Cola Dose und musste leise aufstoßen.
„Schneewittchen.“, sagte Mathis und entschuldigte sich halbherzig für den Ausrutscher.
„Was?“, fragte Brian.
„Schneewittchen, das Märchen von den Brüder Grimm. Die junge Königstochter wird im Märchen wie folgt beschrieben: Haut so weiß wie Schnee, Lippen so rot wie Blut und Haare so schwarz wie Ebenholz.“
„Schön und gut, aber was hat das hiermit zu tun?“, fragte Brian und stocherte lustlos in seinen bereits kalten Nudeln. „Da fehlt ja die Hälfte des Spruchs.“
„Vielleicht ist er bewusst unvollständig.“, warf Mathis ein.
„Wo haben Sie den Zettel gefunden?“, fragte Brian.
„Er war gut versteckt, ins Innenfutter seines Jacketts genäht. Offenbar wollte er nicht, dass den Zettel jemand findet. Ist es nicht auch seltsam, dass ein ehemaliger Berufssoldat, der laut Aussagen seines Sohnes nichts mit Religion am Hut hat, eine Bibel und eine Kette mit einem Kreuz mit sich herumträgt?“, fragte Mathis und lehnte sich auf dem unbequemen Plastikstuhl zurück.
„Sie haben bereits mit dem Sohn gesprochen? Ich habe ihn doch nicht gar nicht informiert!“
„Das war nicht nötig, das hat der alte Bechstein, der als Zeuge da war, schon erledigt. Marco Zimmermann war heute bei mir zum Gespräch, kurz nachdem ihr alle weg wart.“
„Wie kann es sein, dass Sie mir immer einen Schritt voraus sind?“, fragte Brian und sah ihn herausfordernd an.
„Ich langweile mich hier genauso wie Sie. Da entwickelt man Methoden, die Langeweile zu … bewältigen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich hier inoffiziell Ermittlungen anstelle. Natürlich hat das leider vor Gericht alles keine Gültigkeit und die Polizei hier ist ein korrupter Haufen Scheiße. Sie haben den Mörder lieber laufen lassen, als ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen.“
„Sie denken, es war kein missglückter Raub, sondern Mord?“, fragte Brian.
„Genau das denke ich, ja. Zimmermann war kein besonders netter Mensch, muss man dazu sagen. Hat sich rücksichtslos alles genommen, was er wollte.“
Tick, Tack.
Da war es wieder, das verfluchte Geräusch aus dem elterlichen Gefängnis.
Diesmal war es nicht das Ticken der Wanduhr, sondern das, der kleinen Taschenuhr vor ihm auf dem Tisch.
Was hat ihr Besitzer zu verbergen?
War es ein missglückter Raub oder doch Vorsatz? Was sollte er tun? Auf den Bestatter hören und dessem Instinkt vertrauen, oder dem Arzt und allen anderen auf dem Revier beipflichten …?

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