Elfter Dezember – Eine unerwartete Wendung

Am Abend nach Alex‘ Beerdigung traf ich mich wieder mit Sarina im Wohnwagen. Am Tage hatte ich zu viel zu tun, als dass ich mich mit den Zirkusleuten beschäftigen konnte. Aber abends, die Zeit der Vorstellungen war mir heilig. 

Ich betrachtete nachdenklich ihre Glaskugel. „Glauben die Leute, was du ihnen erzählst?“, fragte ich und spielte mit dem Ring an meiner Hand. 

„Ja, warum sollten sie das nicht? Es ist ihre Zukunft, die sie sehen.“, sagte sie hinter ihrem Paravent, während sie sich für die Vorstellung fertig machte. „Natürlich, es gibt immer Schwindler, die gibt es überall, aber nicht hier bei uns! Das hast du doch selbst erlebt!“, empörte sie sich. 

„Schon gut, schon gut.“, ich hob beschwichtigend die Hände. „Wir sind keine Schwindler. Ich bin ja auch keiner.“,

Was wir unseren Zuschauern darboten, erlebten sie auch in der Realität. Es war kein abgefahrener Trick, keine künstliche Intelligenz, keine Greenscreen. Alles Realität.

Es klopfte an der Tür.

„Hannes, das wird unser Käpt’n sein. Kannst du aufmachen?“, fragte sie, und ein helles Oberteil flog über den Rand des Raumteilers. Ich nickte, wuchtete mich aus dem Sessel hoch und öffnete. Es war tatsächlich Peg Leg Thunder, aber er sah alles andere als begeistert aus. „Hannes.“, er rang sich ein Lächeln ab, „Ist Sarina da, ich muss sie sprechen.“
„Sie zieht sich grade um.“

„Ich bin fertig.“, in ihrem dunkelblauen, seidenen Kleid mit Sternen und anderen Motiven unseres Sonnensystems war sie neben mich getreten. „Was ist los?“

„Die Bullen sind hier.“, sagte er. „Es gibt Probleme, wegen Alex. Sie warten vorne am Kassenhäuschen.“

Sie nickte und nahm sich eine Strickjacke von der Garderobe. Dann trotteten wir hinter dem Piratenkapitän her nach vorne. 

Yuri Miller erkannte ich schon von Weitem. Ich hielt mich lieber im Hintergrund, doch er hatte mich schon längst entdeckt. 

„Sarina Karacas?“, fragte Yuri und gab ihr die Hand. „Die bin ich“. entgegnete sie, „und Sie?“

„Yuri Miller, Kriminalpolizei Falkenbrunn.“, er hielt ihr seinen Ausweis in sicherer Entfernung entgegen. „Es geht um den verstorbenen Alexander Michels, auch bekannt als Der große Prospero. Er war bei Ihnen im Zirkus angestellt. Sie sind doch die Leiterin, oder?“

„Die Gründerin unserer kleinen Truppe hier, ja. Womit kann ich Ihnen helfen?“

„Ich müsste Sie bitten, mit uns aufs Revier zu kommen.“

„Wieso?“, fragte Sarina selbstbewusst. 
„Es geht um die gemeinsame kriminelle Vergangenheit von Alex und Ihnen. Stichwort Banküberfall.“, sagte Yuri in nüchternem Tonfall. 

Ich sah mich unter den Beteiligten um. Sie schienen nicht im Mindesten überrascht. Mir stand die Verblüffung ins Gesicht geschrieben. 

„Kommen Sie freiwillig mit oder muss ich Sie festnehmen?“, fragte Yuri. 

„Ich komme freiwillig mit, lassen Sie uns gehen.“

Sarina ging mit Yuris Kollegen, dem übereifrigen Kommissaranwärter Müller, mit zum Wagen, während mich Yuri musterte. Ob abschätzig oder amüsiert, konnte ich nicht sagen.

„Soso, Sie sind jetzt also beim Zirkus gelandet. Da passt Sie gut hin.“, sagte er. „Als Zauberer.“

Ich nickte. „Sie können gerne heute Abend in die Vorstellung kommen. Aber was machen Sie hier, ich dachte, der Fall ist für Sie erledigt?“

„Ja, das war er. Bevor wir wussten, was unser großer Zauberkünstler so alles auf dem Kerbholz hat. Wissen Sie, dass Sie das er bei einem Banküberfall vor über zehn Jahren beteiligt war? Sarina, die selbsternannte Wahrsagerin, war seine Komplizin. Sie war erst achtzehn Jahre alt, als sie mit dem Zirkus durchbrannte.“

„Und?“, fragte ich. Ich hatte die Leute mittlerweile so ins Herz geschlossen, dass es mir egal war. Früher wäre so etwas für mich unvorstellbar gewesen. In den ersten Dezemberwochen hatte sich in meinem Leben so einiges geändert.

„Und?“, wiederholte Miller und sah mich verwundert an. „Ich bin nur verwundert.“, sagte er, lächelte dann. „Aus dem Kettenraucher im schwarzen Anzug ist ein Zauberer in Galauniform und Zylinder geworden, der andere auf Zeitreise schickt und mit ihnen Piraten spielt.“, er lachte abschätzig. Dann ging er kopfschüttelnd zu seinem Auto. 

Ich starrte ihm wütend hinterher und murmelte Flüche gemischt mit Rechtfertigungen, bis mir Peg Leg Thunder die Hand auf die Schulter legte. 

„Komm, lass gut sein. Sarina ist ein großes Mädchen, sie kriegt das schon hin. Hast du vergessen, dass sie Wahrsagerin ist? Sie weiß schon, was passiert und vor allem wer sie rausholen wird.“

Er lächelte und verschwand dann wieder in einem Zelt mit den absurden Kuriositäten und ließ mich nachdenklich zurück. 


Eine Antwort zu „Elfter Dezember – Eine unerwartete Wendung”.

  1. Avatar von decaffeinatedthoughtfully5ddf98d932
    decaffeinatedthoughtfully5ddf98d932

    weiter….weiter …

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