Zehnter Dezember – Eine Packung John Player Special

So auf die Schnelle war es ein ziemliches Problem, auf der Stadt einen Termin für den heutigen Tag zu bekommen. 

Doch der Zirkus brachte nicht nur meinen Hund dazu, sich über Regeln hinwegzusetzen, sondern auch mich. 

Bei Einbruch der Dämmerung versammelten wir uns im Schein vieler Kerzen auf dem Friedhof unter einem Kastanienbaum, den sich Alex gewünscht hatte. 

Der klirrende Dauerfrost der letzten Tage hatte den Boden gefrieren lassen, aber mit der stärksten Frau der Welt an unserer Seite war es kein Problem, das Grab des großen Prosperos auszuheben. 

Sarina hielt eine wunderschöne, flammende Rede über ihre Beziehung zu Alex und dem Zirkus und Marlow, der Mann ohne Arme sprach noch ein Gebet. Anschließend ließen Peg Leg Thunder, Lenny, Sarina und ich den Sarg schließlich gemeinsam zur Erde. 

Ein mulmiges Gefühl hatte ich dennoch bei der Sache. Aber war der Zirkus Curiositas nicht genau das? Rebellion gegen Konventionen, Regeln und Gesetze? 

„Ich möchte euch bitten, ins Grab einen letzten Gruß an Alex zu senden. Etwas persönliches von euch, damit er sich an uns erinnert.“, riss mich Sarina aus meinen Gedanken. 

Ich suchte meine Taschen ab. Alles, was ich hatte, waren eine Spielkarte und eine Packung John Player Special. 

Ich beobachtete die anderen beim Abschiednehmen. Peg Leg Thunder legte einen altmodischen Kompass hinein, Sarina ihr Tarotkarten-Set – und ich? Ich stand vor dem offenen Grab, im Schein einer Kerze und warf die letzte Packung Zigaretten ins Grab. 

„Ich wollte sowieso aufhören zu rauchen.“, murmelte ich. Sarina trat näher und legte mir wieder ihre Hand auf die Schulter. 

„Stark von dir.“

Andächtig nahmen wir ein letztes Mal Abschied und schaufelten gemeinsam das Grab wieder zu. Niemand kam, um uns zu verhaften, niemand der Nachbarn rief die Polizei, niemand verklagte uns und so kehrten wir guter Dinge zurück zum Zirkusgelände. 

„Hannes!“, rief Sarina, als ich wieder zurück nach Hause gehen wollte. „Bleib doch noch ein bisschen auf ein Gläschen Rum in Peg Legs Trailer.“, sagte sie. „Wir wollten nicht ohne dich anfangen.“

„Ich habe euch schon genug aufgehalten. Außerdem muss ich morgen wieder in den Betrieb. Ich kann nicht alles auf meinen Mitarbeitern abladen.“, erklärte ich. 
Sie lachte. „Aber wofür hast du die dann?“, fragte sie amüsiert. „Du gehörst jetzt zu uns, keine Frage.“

„Ich weiß nicht. Ihr seid alle echt nett zu mir, aber ich brauche ein wenig Ruhe. Ich bin sehr introvertiert. Das ist auch der Grund, warum ich meine Schwester nur so selten ertrage.“

„Okay. Versteh ich.“

„Außerdem habe ich heute wieder zu viele Regeln gebrochen, als das ich es ertragen könnte.“, fügte ich belustigt an. 

„Na gut. Geh. Aber morgen brauchen wir dich wieder zur Vorstellung. Wir müssen wieder ein paar Kinder glücklich machen, große wie kleine.“

Ich lächelte und nickte, dann stapfte ich durch den Schnee zurück in mein Haus. Diesmal befand ich mich in keinem bizarren Zeitalter, keinem mittelalterlichen Spektakel, einfach nur im Hier und Jetzt. 


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