Ich drehte nachdenklich die Nachricht in den Händen, die ich in meiner leeren Überführungstrage gefunden hatte:
Hannes,
es tut uns leid, aber wir wollen uns vom großen Prospero auf die Art und Weise verabschieden, die er sich gewünscht hat.
Komm gerne morgen Abend um 19 Uhr vorbei, dann erklären wir dir alles und nimm mit uns von Alex Abschied.
Du hast ihm die letzte Ehre erwiesen und wolltest seinen Tod untersuchen und aufklären, dafür gebührt dir tausend Dank.
Er hätte es so gewollt, immerhin hat er dir seinen Koffer hinterlassen. Fox und du seid nun Teil unserer Zirkusfamilie.
Bis hoffentlich Morgen, Sarina Karacas
Ich warf einen Blick auf die Uhr und lachte leise. Eine halbe Stunde hatte ich noch.
Eine Beerdigung in einem Zirkus voller Freaks – bisher auch Neuland für mich. Amüsiert zog ich mein Outfit von der Vorstellung an und machte mich mit Fox auf den Weg zum Zirkus.
Sarina wartete vor ihrem Wohnwagen auf mich.
„Du hast es geschafft!“, rief sie und gab mir die Hand. „Freut mich. Und sogar in Uniform!“
Ich nickte, lächelte aber nicht.
„Wieso habt ihr mich nicht einfach gefragt, ob wir den Abschied bei euch feiern können? Das ist immerhin mein Job und ich hätte seinen letzten Wunsch auch sicher verstanden.“, sagte ich ein wenig enttäuscht.
„Das wäre gegen die Regeln gewesen. Komm mit rein, dann erklär ich dir alles.“, gab Sarina zurück und lächelte schwach.
Missmutig folgte ich ihr in den Eisenbahnwaggon und nahm auf meinem angestammten Sessel Platz. „Auf die Erklärung bin ich aber mal gespannt.“, sagte ich, zündete meine Zigarette an und wartete, bis sie einen Zettel aus ihrer Schreibtischschublade hervorzog.
„Hier. Sein letzter Wille.“, sagte sie und reichte mir den Zettel.
Liebe Sarina,
wenn mich der Tod doch einholt, möchte ich, dass ihr – als meine engste Familie – meinen Abschied organisiert. Lasst mich einen Tag in der Manege aufgebahrt. Ich möchte, dass sich alle in Würde von mir verabschieden können.
Am nächsten Tag möchte ich, dass ihr mir auf dem Friedhof in der Stadt, in der wir gerade sind, ein schönes Grab unter einem großen Kastanienbaum sucht. Dann kann ich in Frieden gehen.
Der große Prospero
„Ich wäre gern bereit, euch zu helfen. Das Grab unter dem Kastanienbaum könnte ich organisieren“, erklärte ich. „Das ist mein Spezialgebiet“
„Ich weiß. Und es tut mir leid, wir hätten dich einweihen können, aber die schelmische Art des Diebstahls seiner Leiche bei Nacht und Nebel hätte ihm gefallen.“, sagte Sarina mit einem Schmunzeln.
„Also mir hat es einen Herzinfarkt beschert. Wisst ihr was passiert, wenn sich das rumspricht, das bei mir die Leichen verschwinden?“, fragte ich.
„Ich habe ja schon gesagt, es tut mir leid. Wir haben heute Abend keine Vorstellung, wir wollen Alex seinen letzten Wunsch erfüllen. Möchtest du mitkommen?“, fragte Sarina.
„Ich kann ja schon gar nicht mehr sauer sein.“, murrte ich, und gab Fox ein Zeichen, mit mir zu kommen. Er erhob sich von seinem Platz auf der Eckbank und folgte mir und Sarina in die Manege. Dort stand bereits ein kleiner, kunterbunt bemalter Holzsarg auf Böcken und mit bunten Tüchern geschmückt. Darin die Leiche des großen Prosperos. Er trug seine Zirkusuniform und auf seiner Brust lag als Symbol für das Zeitreisen eine goldene Taschenuhr.
„Sarina.“, Peg Leg Thunder drehte sich zu uns um, mich grüßte er mit einem Nicken.
Ich trat an den Sarg.
„Sag was.“, munterte mich der Hüne auf.
„Was soll ich denn sagen?“, fragte ich, „ich kannte ihn doch überhaupt nicht.“
„Darauf kommt es nicht an. Hauptsache du bist da, und er ist nicht allein.“, sagte unser Piratenkapitän.
„Hm.“, machte ich nur. Ich trat noch dichter an den Sarg und besah ihn mir. Er sah friedlich aus. Friedlicher als bei mir im Institut. Ein Zeichen dafür, dass er hier wirklich hingehörte.
„Ich muss mich bei dir für den Koffer bedanken, Alex.“, wisperte ich leise. „Das war echt das Beste, was mir passieren konnte. Wenn ich gewusst, was für eine Wendung mein Leben von dem Moment deiner Abholung genommen hat, ist für mich wiederholt ein Zeichen für die Unberechenbarkeit des menschlichen Seins. Ich hätte nicht erwartet, noch einmal so aufzublühen. Ich glaubte mich verloren in der Vergangenheit.“
Ich musste nicht weinen, doch fühlte ich mich seltsam schwer, als ich spät am Abend die Manege verließ.
Die vom Zirkus, die mit Alex schon lange zusammengearbeitet hatten, erzählten von vielen fantastischen Shows, unglaublichen Reisen und leuchtenden Kinderaugen.
So stellte ich mir eine Beerdigung vor – man feiert das Leben, nicht den Tod.
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