Siebter Dezember – Fox, du hast die Gans gestohlen

Am siebten Dezember stand für Fox und mich das alljährliche Gänseessen bei meiner Schwester Clara an. Lieber wäre ich wieder bei meinen neuen Freunden im Zirkus. Komisch, dass ich mich an diesem Ort so zu Hause fühlte. 

Ich stand vor meinem Badezimmerspiegel und machte mich schick für das Essen. Meine Schwester war ein lieber, netter Mensch – aber als Geschwister könnten wir gegensätzlicher nicht sein. 

Sie war extrovertiert, ich introvertiert. Nach langer Funkstille hatten wir uns bei der Beerdigung unseres Vaters wieder getroffen und hielten seitdem den Kontakt aufrecht. Zumindest an den Feiertagen. 

„Was meinst du, Fox?“, fragte ich, als ich den Rasierer im Waschbecken ablegte. Ich griff nach zwei Hemden, die ich griffbereit neben mir liegen hatte. „Grau oder blau?“

Fox wies mit einem Winseln und einem Kopfnicken auf das graue Hemd. „Vielen Dank, der Herr.“, sagte ich. „Der Zirkus tut dir nicht gut, die bringen dir viel zu viel Unsinn bei.“

Bei den Worten machte er Männchen und tanzte auf den Hinterbeinen. Ich grinste. „Genau das mein ich.“

Als ich in meinem Schlafzimmer stand, fiel mein Blick wieder auf den Würfel, der immer noch auf meinem Nachttisch stand. 

In welches Zeitalter sollte ich wohl heute reisen?

Ich zog mich fertig an, richtete im Büro die Rufumleitung auf meine Mitarbeiterin ein und machte mich auf den Weg durch den Ort zu meiner Schwester.

Wunderschöne, schmucke Barockbauten zierten meine Wege, ein Gebäude schöner als das andere. Hier und da kreuzten an diesem Sonntagmorgen wieder Kutschen meinen Weg, die diesmal allerdings wesentlich prunkvoller und die Pferde kräftiger waren als im viktorianischen Zeitalter. Dieser Würfel, dachte ich, während ich so durch die Gassen schlenderte, ist echt das Beste, was mir passieren konnte. Noch nie hatte ich mich wohler gefühlt als in diesen Zeiten ohne Stress, Hektik und Technik, und als Zeitreisender ließ es sich als Autor wesentlich einfacher und vor allem Originalgetreuer arbeiten. 

Ein Blick auf die Taschenuhr in meiner Anzugtasche verriet mir, dass ich bereits eine Dreiviertelstunde unterwegs war. 

Ich betätigte die Klingel am Wohnhaus meiner Schwester, das normal nicht so einladend wirkte wie jetzt. 

Schon von weitem roch ich den Gänsebraten und hörte Stimmengewirr aus dem Wohnzimmer. 
Claras Mann öffnete mir die Tür. Er trug einen schwarzen Frack mit goldenen Mustern und eine weiße Bluse drunter. Über der Hose trug er weiße Kniestrümpfe. Ich konnte ein Schmunzeln nicht verbergen, als ich ihn so in der Tür stehen sah. Mein Outfit allerdings hatte sich auch der Zeit entsprechend angepasst und ich sah nicht weniger albern aus als mein Schwager. 

„Hannes, wie schön.“, sagte er, öffnete die Tür weiter und ließ mich eintreten. Ich gab ihm meine Jacke, die er an der vornehmen Garderobe ablegte. 

Ein wenig schade fand ich schon, dass nur ich allein in den Genuss der Zeitreisen kommen konnte. 

Es sei denn, man besuchte eine meiner Vorstellungen.

Ich trat ins Wohnzimmer ein und beobachtete meine Nichten, Lina und Lea, beide waren nur ein Jahr auseinander. 

Lina – die Ältere – erhob sich von der Couch, im Schlepptau hatte sie einen jungen Mann. „Onkel Hannes!“, rief sie und drückte mich in ihrem voluminösen Kleid. 

„Das ist mein Freund, ihr werdet euch sicher super verstehen.“, ich blickte ihn an, der ein ebenso einzigartiges Kostüm trug, wie ich. 

„Ich glaub es nicht!“, rief der junge Mann aus. „Das ist dein Onkel?“, fragte er und seine Stimme überschlug sich vor Aufregung. 

Ich kannte ihn. Es war der Mann, der gestern Abend mit mir auf der Angry Shark bzw. in der Manege war.

„Ja, was ist daran so aufregend? Du kennst ihn vielleicht, ihm gehört hier ein Bestattungsinstitut.“, sagte Lina und schaute ein wenig irritiert. 

„Quatsch, Bestatter.“, winkte Martin ab. „Ich habe dir doch von dieser abgefahrenen Zirkusvorstellung erzählt, mit diesen ganzen Freaks. Er, dein Onkel, ist der Nachfolger des großen Prosperos! Mit ihm und seinen Leuten habe ich gegen Riesenkraken und andere Piraten gekämpft und bin ans Ende der Welt gesegelt. Er hat mir meinen sehnlichsten Kindheitswunsch erfüllt, einmal auf einem Piratenschiff zu sein.“

Wieder leuchteten seine Augen, während er davon erzählte. Ich lächelte. „Tja, die Welt ist klein.“, sagte ich und nahm im Sessel Platz.

Wo war Fox nur abgeblieben? Hm – egal, er wird schon wieder auftauchen. 

„Zauberer?“, fragte mein Schwager ungläubig und nahm ebenfalls auf dem Sofa Platz. „Du überraschst mich immer wieder. Wie kam es dazu, dass du alter Miesepeter im Zirkus arbeitest.“, lachte er als einziger über seine Bemerkung.

„Das ist eine ganz kuriose Geschichte. Angefangen hat alles mit einem Sterbefall.“, ich erzählte die Geschichte, wie ich mit der Polizei den Leichnam des großen Prospero geborgen, wie ich den Koffer gefunden hatte, und schließlich im Zirkus landete und die Nachfolge antreten sollte. Wie ich die erste Show gemacht und die ganzen Freaks besser kennenlernte. „So war das gar nicht geplant, aber ich habe gesehen, wie viel Freude ich den Menschen bereiten kann. Und wenn ich dazu beitrage, den Zirkus zu erhalten, warum nicht? Er ist das zu Hause von Menschen, die sonst nirgendwo heimisch sein können. Und ehrlich gesagt, habe ich mich im Zirkus wohler gefühlt als irgendwo sonst.“

Plötzlich zerriss ein lauter Schrie meine Geschichte. Er kam aus der Küche. Und er klang verdächtig nach meiner Schwester und einer ihrer Freundinnen aus der Nachbarschaft, die gemeinsam die Gans zubereiteten. 

Dem Schrei folgten einige wüste Beschimpfung à la Du Mistvieh und Gib das wieder her, du Drecksköter.

„Hannes!“, keifte sie und ich sah zu, dass ich mich aus meinem Sessel erhob. Ich trat vom Wohnzimmer in den Flur und kaum das ich den betreten hatte, kam mir Fox entgegen, im Maul eine Gänsekeule. Ich konnte mir doch ein Lachen nicht verkneifen. Meine Schwester stolperte mit ihrer langen Rokokokokotte hinterher.

„Hannes!“, keifte sie erneut, und ihre aufgetürmten, weißen Haare schwankten bedrohlich. Klamottentechnisch war die Zeit, in die ich mich gewünscht hatte, recht ungünstig. 
„Jetzt halte den Hund auf!“, fauchte sie und ich sah zu, dass ich hinter Fox her in den Garten lief. Er hatte sich selbst die Tür aufgemacht und lag mit seiner Trophäe unter dem kahlen Apfelbäumchen im Garten. 

Sanft nahm ich ihm die Gänsekeule wieder ab. „Gib schon her. Du kriegst heute Abend noch was Feines, wenn wir wieder in der Vorstellung sind, okay?“

Nur widerwillig ließ er los. 

Er trug eins von Prosperos bunten Tüchern als Halsband. Er legte den Kopf schief und sah mich aus seinen treuen Knopfaugen an. 

„Nach dem Essen machen wir noch einen ausgedehnten Spaziergang, ja? Vielleicht kommen die anderen auch mit. Jetzt müssen wir uns aber erstmal den lästigen Pflichten beugen. Komm.“, ich nickte Richtung Haus. Er legte den Kopf wieder schief. „Trotzdem, wir müssen. Ich pass da genauso wenig rein, wie du. Aber ich will Clara nicht enttäuschen, immerhin ist sie meine Schwester.“

Ich rauchte noch meine Zigarette auf, drückte sie in meines Schwagers Aschenbecher aus und kehrte zurück zu Tisch. 


Eine Antwort zu „Siebter Dezember – Fox, du hast die Gans gestohlen”.

  1. 🦊 Fox, du hast die Gans gestohlen… schöner Titel für die 7. Folge! 😁

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