Der Stromausfall im Zirkuszelt an der Premierenvorstellung sorgte dafür, dass ich meine Vorstellung nochmal wiederholen musste.
Das hatte ich dem enttäuschten Martin versprochen.
Also fand ich mich erneut am Abend im Zirkuszelt wieder und fuhr mit meiner Show fort:
„Also Martin.“, sagte ich. Ich trug eine Augenbinde und Martin neben mir wirkte mehr als nervös.
„Meine liebe Assistentin Sarina wird Ihnen jetzt einen Zettel und einen Stift geben. Darauf schreiben Sie bitte das Zeitalter oder eine Welt, die Sie am meisten interessiert. Sie schreiben es nur auf, Sie sagen nichts, in Ordnung?“
„Ja.“, antwortete Martin. Ich hörte, wie Sarina in ihren Absatzschuhen über den Holzboden der Manege schritt. Dann hörte ich, wie der Stift auf dem Papier kratzte.
„Haben Sie die Welt aufgeschrieben?“, fragte ich.
„Ja.“, antwortete Martin. Das lassen Sie mich überlegen … Moment.“, sagte ich. Ich wischte mit dem Daumen über das erste Symbol im Würfel und er begann wieder zu vibrieren. Durch einen Testlauf mit der Hellseherin am Vortag hatte ich getestet, wie man die Zeitreisen sanfter anging, als ich es aus Versehen getan hatte.
Es gab wieder ein helles Leuchten, dass die Zuschauer veranlasste, die Augen zu schließen. Als sie das Publikum wieder öffnete, fand sie an einem paradiesischen Strand wieder, unter Palmen. Ein lauer Wind von der See wehte. Ich nahm die Augenbinde ab und sah lächelnd in Martins Richtung.
„Sind wir in der richtigen Zeit?“, fragte ich und schmunzelte, als er aus dem Staunen nicht mehr rauskam.
Der alte Piratenkapitän Peg Leg Thunder streckte Martin, der in einem Piratenoutfit steckte, die Hand hin. An dem breiten Gürtel, den er trug, hingen Musketen, Säbel, ein Kompass, eben alles, was ein Piratenkapitän so brauchte.
„Darf ich Sie an Bord meines Schiffes geleiten?“, fragte Peg Leg Thunder und grinste breit. Martin nickte eifrig und folgte ihm an Bord der Angry Shark.
„Schnallt euch gut an Matrosen, die Fahrt geht bis ans Ende der Welt.“, rief Peg Leg Thunder, als alle an Bord waren. „Setzt die Segel, hisst die Flagge und setzt den Kurs bis ans Ende der Welt!“
Das Publikum johlte begeistert, die Augen leuchteten in kindlicher Vorfreude, als sich die Angry Shark in Bewegung setzte und seinen Kurs in die Richtung der geheimnisvollen Insel setzte, die das Ende der Welt markierte.
Es roch nach Rum, Algen und Salzwasser. Die Luft war geschwängert vom Pulverdampf der Musketen und dem Rauch der Kanonen, als wir uns erst gegen ein feindliches Schiff und dann gegen einen Riesenkraken wehren mussten. Episches Säbelrasseln, Schießereien und einem grenzenlosen Abenteuer. Für anderthalb Stunden vergaßen sie so ihren Alltag und ihre Sorgen für einen kleinen Moment.
Sie möchten jetzt wahrscheinlich gerne wissen, wie ich die richtige Zeit von Martin erraten konnte, richtig …? Tja, ein großer Zauberer … Sie wissen schon.
Als unsere Fahrt auf der geheimnisvollen Insel endete, gingen wir an einem paradiesischen Strand von Bord. Noch paradiesischer als der, an dem wir aufbrachen.
Martin – unser erster Offizier, hielt die Schatzkarte in den Händen und navigierte uns am Meer entlang, dann durch tiefen Dschungel zum Eingang eines mysteriösen Tempels.
„Ich fürchte, wir haben das Ende unserer Reise erreicht.“, sagte ich. „In diesem Tempel befindet sich nichts als der Tod, und dem wollen wir gewiss noch nicht begegnen!“, rief ich. „Liebes Publikum, lieber Martin.“, sagte ich und machte eine tiefe Verbeugung. „ich bedanke mich für diesen spannenden Abend, eine aufregende Reise an Bord der Angry Shark.“
Peg Leg Thunder ergriff das Wort. „Wenn Sie auch eine Reise durch die Zeit machen wollen, dann besuchen Sie unsere Vorstellungen. Jeden Abend um neunzehn Uhr entführen wir sie in andere Welten, sie treffen auf Menschen, deren Existenz sie niemals für möglich gehalten hätten. Spenden für den Erhalt dieser einzigartigen Darbietungen sind gerne willkommen und können am Ausgang abgegeben werden. Ich wünsche Ihnen noch einen wunderschönen Abend.“
Wir befanden uns nicht mehr auf der geheimnisvollen Insel und vor keinem Tempel mehr, sondern wieder in der Manege, erleuchtet von kleinen Lichterketten mit warm-weißen Licht.
Wir verließen die Arena unter dem tosenden Applaus des Publikums.
„Ich bin wirklich sprachlos!“, sagte eine junge Frau zu mir, die ihren kleinen Sohn an der Hand hielt. Es hat sich so echt angefühlt, als wären wir alle an Bord des Schiffes! Wirklich große Kunst. Wie haben Sie das gemacht? Videoleinwände? Künstliche Intelligenz?“, fragte sie mit aufgeregt leuchtenden Augen.
„Weder noch.“, sagte ich mit einem Lächeln. „Alles, was ich getan habe, war, Ihrer eigenen Vorstellungskraft einen Schubs zu geben. Den Rest haben Sie selbst getan. Unterschätzen Sie niemals die Macht der Fantasie.“
Sie und auch ihr Kind strahlten übers ganze Gesicht, warfen ein paar Euros in unser Spendenglas und verließen dann mit der halbleeren Tüte Popcorn das Zelt.
Sarina trat auf mich zu. „Das war eine wundervolle Show. Sie sind würdig, den Würfel zu besitzen, das haben Sie heute wieder einmal unter Beweis gestellt. Ich hoffe, wir können weiter auf Sie zählen?“, fragte sie und lächelte.
„Natürlich. Nur morgen habe ich leider familiäre Verpflichtungen.“, sagte ich gequält und dachte an das morgige Gänseessen mit der Familie meiner anstrengenden Schwester. „Bis zur Vorstellung werde ich es aber denke ich schaffen.“, versicherte ich.
„Gut, gut. Also dann, Hannes Falkner. Bis morgen.“
„Bis Morgen.“
Gegen zweiundzwanzig Uhr kehrte ich nach Hause zurück und legte mich nach dieser abenteuerlichen Vorstellung schlafen.
Ich konnte selbst noch immer nicht glauben, wie sich mein Leben innerhalb von so kurzer Zeit gewandelt hatte. Und als ich so da lag, die dunkle Zimmerdecke anstarrte – wanderten meine Gedanken zu meiner damaligen Freundin, Louise. Sie war Austauschschülerin aus Frankreich und ich hatte mich vom ersten Augenblick an in sie verliebt. Unser erstes Date hatten wir an einem See, im Sommer. Es war ein schöner Tag. Wir waren erst lange mit dem Fahrrad unterwegs und dann schwimmen, nachdem wir uns an einem fremden Kirschbaum bedient hatten. Es war eine schöne Zeit. Ich blickte zu dem kleinen Würfel auf dem Nachttisch. Vielleicht könnte ich ja …? Nein – ich verwarf den Gedanken sofort wieder. Das war genau das, wovor Sarina mich gewarnt hatte! Gelangte die Macht in falsche Hände, könnte das verheerende Folgen haben.
Aber was sollte schon so verheerend daran sein, wenn ich die schönste Zeit meines Lebens noch einmal erlebte …?
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