Rückblende 04. Dezember
Ich betrat mit dem einbeinigen Riesen gemeinsam das rot-weiß gestreifte Zelt. Es wirkte nur von außen klein; tatsächlich war es von innen sehr geräumig. Es ging fließend in einen langen Gang über, dem hohe Regale standen.
Peg Leg Thunder führte mich und Fox an ihnen vorbei. Zahlreiche in Formalin eingelegte Gegenstände und Körperteile, deren Herkunft ich so genau nicht wissen wollte und Schädel in allen unterschiedlichen Formen und Größen waren hier ausgestellt.
Ein wahres Panoptikum eben.
„Wo gehen wir hin?“, fragte ich und fühlte mich seltsam beobachtet. Ob es an den ausgestopften Tieren oder an den Augen lag, die in den braunen Fläschchen vor sich hinschwammen, vermochte ich nicht zu sagen.
„Zu Sarina Karacas, unserer Wahrsagerin. Sie wird dir alles notwendige über Alexanders Arbeit erklären. Sie ist seine engste Vertraute hier gewesen. Es wird ein schwerer Schlag für sie sein, also gehen Sie bitte einfühlsam mit ihr um.“
„Das ist mein Beruf.“, sagte ich ein wenig konsterniert.
„Schon gut, schon gut. Falls wir uns nicht mehr über den Weg laufen sollten, sehen wir uns bei der Abendvorstellung.“
Ich nickte und Peg Leg Thunder verschwand. Allein stand ich vor der Tür der Wahrsagerin. Sie hielt einen Kerzenständer in der Hand und öffnete die Tür des alten Eisenbahnwaggons, der behelfsmäßig mit Rädern ausgestattet war.
„Ja bitte?“, fragte sie. Ihr Make-Up war verschmiert und unter den hübschen hellgrünen Augen hatte sie dunkle Ringe. „Ach Sie sind das.“, sagte sie, als sie mich zu erkennen schien.
„Wir sehen uns doch gerade zum ersten Mal und – “
„Sie kommen wegen Alex. Dem großen Prospero!“, sagte sie spöttisch. „Habe ich nicht recht?“
„Ja, aber woher wissen Sie, wer ich bin? Wissen Sie, dass der große Prospero tot ist?“
Sie nickte. „Ich bin Hellseherin, schon vergessen?“
„Richtig.“, ich lachte ungläubig. „Aber dürfte ich vielleicht reinkommen? Sie müssen keine Hellseherin sein, um zu wissen, dass draußen ziemlich viel Schnee liegt und es kalt ist.“
„Entschuldigen Sie, ich bin ein bisschen durch den Wind. Natürlich kommen Sie rein.“
Sie gab die Tür des Waggons frei und ließ mich eintreten.
„Sie sind also der Erbe von Alexanders Koffer. Den habe ich mir immer ganz anders vorgestellt.“
Ich musste erneut lachen. „Wie denn? Sie konnten doch nicht wissen, wer ihn erbt.“
Sie warf mir einen undefinierbaren Blick zu.
„Ach so, ja, Hellseherin. Schon vergessen.“
„Weniger deprimiert, weniger alt. Ich habe Alex immer gesagt, dass das eine blöde Idee ist, sein kostbarstes Gut jedem dahergelaufenen zu vermachen. Es ist unverantwortlich, wenn diese Macht in falsche Hände gerät. Nicht auszudenken, was dann los wäre.“
„Alle reden andauernd von einer Macht und das ich sie schon besitze, weil draußen plötzlich alles anders ist und nur ich das sehen kann. Und doch bin ich der Einzige, der davon keine Ahnung hat!“, rief ich aufgebracht.
„Beruhigen Sie sich, Hannes.“, sagte sie. „Hier“, sie war aufgesprungen und setzte einen Kessel mit Wasser auf. „Ich mach Ihnen einen Tee, dann lässt sich das ganze Durcheinander besser verarbeiten.“
Ich warf ihr einen skeptischen Blick zu.
„Ich will Sie nicht vergiften.“, rief sie und verdrehte die Augen. „Sie sind jetzt schließlich einer von uns.“
„Ich weiß gar nicht, ob ich das sein will.“, murrte ich und zündete mir erneut eine Zigarette an.
„Ja, das weiß ich auch nicht, es ist aber so. Sie haben den Koffer gefunden, und der Würfel reagiert auf ihre Berührungen. Das heißt Sie sind einer von der Auserwählten. Komisch ist nur, dass es niemals zwei in derselben Stadt geben kann.“
Sie reichte mir die Tasse Tee. „Danke.“, ich stellte ihn neben mir auf den Beistelltisch. „Es klingt so, als ob der große Prospero meinetwegen sterben musste.“
„Das ist nicht so unwahrscheinlich. Von diesen kleinen Würfeln gibt es weltweit nur drei. Einer von Unseresgleichen – also ein Mensch mit besonderen Gaben oder übersinnlichen Fähigkeiten – hat ihn vor einhundertfünfzig Jahren entworfen, und so die ersten Zeitreisen möglich gemacht. Als John Bowman, der Erfinder der Würfel starb, gab er sie seinen drei Söhnen. Diese wiederum konnten mit dem Erbe des Vaters, den sie ohnehin für ein wenig verschroben hielten, nichts anfangen und die Würfel landeten in Auktionshäusern, Pfandhäusern – und eben in einem Kuriositätenkabinett wie unserem. Für manche Menschen waren die Würfel wertlose Holzwürfel.“
„Für John Bowmans Söhne auch?“, fragte ich.
Sarina nickte. „Ich sehe, Sie können folgen. Genau. Nicht alle Menschen wussten ihre Bedeutung zu schätzen. Es hat viele Jahre gedauert, bis die Würfel ihre rechtmäßigen Besitzer fanden. Einer davon war Alex. Er war schon immer ein guter Zauberer, aber mit der Macht der Würfel, wurde er der beste von allen. Er hat das Publikum in ferne Welten entführt, ihnen die Geschichte nähergebracht, die sehnlichsten Wünsche erfüllt und ihnen Frieden gebracht. Alexander war ein guter Mann. Und ich hoffe, Sie werden ihn würdig vertreten.“
Ich lächelte und nahm einen Schluck Tee. „Das hoffe ich auch“, antwortete ich ein wenig unsicher. „Der einbeinige Hüne hat mir gesagt, Sie waren seine engste Vertraute. Wenn Sie seinen Tod doch vorausgesehen haben, wieso haben Sie den anderen nichts gesagt?“, fragte ich.
„Alex ist in dieser Nacht verschwunden, weil er den Zirkus verlassen wollte. Ich sollte den anderen nichts davon sagen. Er wollte nicht, dass sie sich seinetwegen Sorgen machen.“
„Warum sollten sie sich keine Sorgen um ihn machen?“
„Er war krank, schwerkrank. Er hatte ohnehin nicht mehr lange zu leben, und er wollte in Ruhe und Würde in seiner Heimatstadt sterben. Er hat den Leuten so viel Freude gebracht, aber die Krankheit, die sein Geburtsfehler mit sich gebracht hat, machte ihm das nicht mehr möglich. Die Leute hier sind wie Familie – und manchmal bricht man der Familie eben das Herz.“
„Hm.“, machte ich nachdenklich und strich mir übers Kinn. Das brachte eine neue Wendung in den Fall.
„Wissen Sie, wie das Zeitreisen funktioniert?“, fragte ich.
Sie nickte. „Ich habe es selbst noch nicht erlebt, aber Alex hat mir mal erklärt, dass es reicht, wenn er dran denkt – und plötzlich tun sich vor ihm die Welten auf. Haben Sie an das viktorianische London gedacht, als Sie den Würfel in der Hand hielten?“
„Wenn Sie mich so fragen, ja. Ich bin Schriftsteller, wissen Sie? Mir kam gerade eine Idee für eine neue Kurzgeschichte, in der es um einen mysteriösen Mord an einem Magier geht.“
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