Als ich meinen Schock über die neue Umgebung und meine neue Arbeitssituation ansatzweise überwunden hatte, kochte ich mir am nächsten Morgen in meiner neuen alten Küche einen Kaffee und beobachtete von meinem Fenster die vorbeiziehenden Droschken. Vor mir auf dem Tisch lag die Sonderbeilage unserer Zeitung über den Circus Curiositas.
Sie hatten allerhand Kuriositäten dabei:
Der Wolfsjunge – ein Kind, das in Rumänien angeblich von einer Wolfsfamilie großgezogen wurde, Leonard und sein siamesischer Zwilling, ein Spiegellabyrinth, eine Wachsfigurenausstellung bekannter Verbrecher, Artisten in allen Farben und Größen, der stärkste Mann der Welt, eine einarmige Seilartistin, eine Hellseherin und dann natürlich noch den großen Prospero – der Bezwinger von Raum und Zeit.
Da ich seinen Koffer und seine ganzen Utensilien – allem voran den sonderbaren Würfel, in dem sich anscheinend alle Macht zentriert – geerbt hatte, sah ich es als meine Pflicht an, mich auf dem Gelände mal umzusehen und den Leuten vom Zirkus die schlechte Nachricht zu überbringen.
Ich glaube nicht, dass sich die Polizei in dem Punkt Mühe gegeben hatte.
Ich zog mich für heute aus dem Bestatter-Geschäft zurück und machte mich mit Fox und dem Koffer des großen Prospero auf den Weg zum Festplatz nahe des Stadtkanals. Dieser teilte unsere schöne Stadt in Neu- und Altstadt.
Die Wohnwagen der Zirkusartisten lagen noch in einem tiefen Schlummer. Die Ponys auf der verschneiten Weide dösten vor sich hin und ich schob mich leise an einem der Wagen vorbei auf das Gelände.
Das Zelt für den heutigen Abend stand schon, neben der Kasse war eine alte Popcornmaschine aufgebaut, daneben ein Zuckerwattestand für die Kinder.
Ich fischte auf meiner Tasche eine Zigarette, zündetet sie mir an und ließ meinen Blick über das Gelände schweifen. Auch hier wirkte alles wie aus dem viktorianischen London. Ich nahm den Würfel wieder an mich und betrachtete ihn genauer. Was wohl passieren würde, wenn ich den Würfel erneut bediente. Das erste Mal war es unbeabsichtigt, aber so langsam tastete ich mich an die Bedienung ran. Es gab in der Mitte einen leuchtenden Knopf, der den Mechanismus auslöste. Das war der Trick des großen Prospero. Mit diesem Würfel überwand er also Raum und Zeit.
Gerade wollte ich mit kindlicher Neugier den Knopf betätigen, um zu schauen, in welche Zeitzone es mich diesmal verschlug, da stürzte aus einem Flickenzelt neben dem Kassenhäuschen eine hünenhafte Gestalt, die mir einen Schauer über den Rücken jagte:
„Sind Sie wahnsinnig!“, brüllte er mit donnernder Stimme und humpelte mit einem Holzbein durch den Schnee auf mich zu. „Fassen Sie ja den Würfel nicht an!“, fauchte er und kam atemlos vor mir zum Stehen.
Ich machte erschrocken einen Schritt zurück. Meine Zigarette fiel aus meinem Mund auf den Boden in den Schnee.
„Fassen Sie den Würfel nicht an!“, fauchte die Gestalt erneut.
„Ich hab’s verstanden.“, murrte ich.
„Wer sind Sie und was machen Sie mit Alexanders Koffer?“, fragte der einäugige und einbeinige Hüne.
„Ich bin Bestatter.“, sagte ich ruhig. „Die Polizei hat vor drei Tagen Alexander Michels tot hinter einem Gutshaus gefunden, zusammen mit seinem Pony. Den Koffer hatte er bei sich. Darin“, ich nestelte an der Innentasche meines Mantels, „befand sich dieser Brief.“
Ich las den Brief vor. „Hier steht, der, der ihn findet, ist der Erbe des Koffers. Und ich habe ihn gefunden. Da die Polizei in dem Fall nicht ermittelt, möchte ich selbst herausfinden, was mit dem großen Prospero geschehen ist. Das ist er doch, oder?“
„Alex ist tot?“, fragte er. „Oh mein Gott.“
Er schaute mich einen Moment unschlüssig an. „Kommen Sie mit in mein Zelt und wärmen Sie sich erstmal auf. Heute haben wir keine Zeit, wir müssen uns auf die Premiere vorbereiten. Bleiben Sie zur Abendvorstellung?“
Ich nickte.
„Gut, denn jemand muss Alex‘ Nummer übernehmen. Da Sie seinen Koffer haben, haben Sie schon mit allem vertraut gemacht?“
„Ich soll was machen?“, fragte ich entsetzt. „Ich kann nicht zaubern, geschweige denn gut vor Publikum reden!“
„Aber Sie haben den Würfel doch schon ausgelöst“, der Hüne schmunzelte.
„Wie?“
„Na, sehen Sie sich draußen nur mal um.“
„Sie meinen, das habe ich getan?“, fragte ich fassungslos.
„Natürlich. Alex kann es nicht mehr.“
„Und Sie können die Droschken, die Gaslaternen und die fein angezogenen Leute auch sehen?“
„Ja. Wir alle hier sind etwas Besonderes und Sie und Ihr kleiner Hund hier anscheinend auch, sonst hätten Sie uns nicht so schnell gefunden.“, er lächelte.
Der Abend rückte immer näher und nachdem ich von Peg leg Thunder*, wie der Riese mit Künstlernamen hieß, eine kurze Einweisung in Prosperos Programm erhielt, hieß es für Fox und mich ab in die Manege:
Ich bekam vom ersten Kapellmeister eine Zirkusdirektor Uniform und betrat unsicher mit dem kleinen Koffer die Arena. Die Vorstellung war ausverkauft und auf den hölzernen Bänken starrten mich über hundert Augenpaare erwartungsvoll an.
Peg leg Thunder trat neben mich, in der beeindruckenden Uniform eines Piratenkapitäns. „Meine Damen und Herren, liebes Publikum. Durch einen bedauernswerten Zwischenfall mussten wir unser Programm ein wenig umstellen. Statt des großen Prosperos steht nun heute Abend für Sie der einzigartige Falco auf – er wird dem Programm, dass Sie von Prospero kennen in nichts nach! Also dann, Bühne frei für den einzigartigen Falco und seinem Assistenten Fox!“
Peg leg Thunder überließ mich meinem Schicksal. In meiner Hand hielt ich fest umklammert den Würfel:
„Liebes Publikum, bevor wir loslegen, möchte ich Sie herzlich bitten, zuallererst ihre Augen zu schließen.“
Ein Raunen durchfuhr die Menge, doch nach und nach schlossen sie tatsächlich die Augen. Das weiß-rote Zirkuszelt war nur spärlich beleuchtet, bunte Wimpel hingen von der Decke und ich nahm den Koffer wieder zur Hand.
Ich nahm eins von den Seidentüchern zur Hand und band Fox eins davon um den Hals. „Mein Assistent wird jetzt loslaufen und vor dem er stehen bleibt, der wird mein Freiwilliger für die Vorstellung. Ich versichere Ihnen, Ihnen wird nichts schlimmes passieren.“
Die Menge lachte leise, aber es klang verunsichert.
„Los.“, gab ich Fox das Kommando und er flitzte los auf die Zuschauertribüne. Vor einem jungen Mann, der – nur für mich und die anderen Zirkusleute sichtbar – Frack und Zylinder trug, stehen und bellte.
„Scheint, als hätten wir unseren Freiwilligen. Bitte.“, sagte ich, „öffnen Sie alle die Augen und junger Mann, kommen Sie zu mir auf die Bühne.“
Der Mann stand verunsichert auf und kam von seinem Platz unter den wachsamen Augen des anderen Publikums zu mir runter.
„Ich grüße Sie.“, sagte ich und lächelte. „Wie ist Ihr Name?“
Er räusperte sich und brachte mit brüchiger Stimme ein „Martin“ hervor.
„Martin, schön. Martin, Sie werden heute Abend Zeuge einer einzigartigen Darbietung. Und zwar der Überwindung von Raum und Zeit. Gibt es eine Zeit, eine Epoche, die Sie besonders interessiert, und die sie gerne einmal Bereisen würden?“, fragte ich.
Martin nickte und strahlte übers ganze Gesicht. „Wenn Sie mich so fragen, dann vielleicht die –“
Plötzlich durchzuckte ein lauter Knall das Zirkuszelt und wir befanden uns in kompletter Finsternis.
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*Peg leg Thunder = der holzbeinige Donner
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