Dritter Dezember – Auf Spurensuche

Am Morgen des dritten Dezembers zog ich meine Küchenvorhänge beiseite und starrte ungläubig aus dem Fenster. 

Noch immer bot sich mir das gleiche Bild wie gestern. Nur gestern Nachmittag glaubte ich, zu träumen oder den Punsch verwechselt zu haben.

Das Rattern der Kutschenräder auf dem alten Kopfsteinpflaster und das Trappeln der Pferdehufe wurde vom sanften Schnee geschluckt, die spärlichen Gaslaternen erhellten die magische Stunde zwischen Nacht und Tag. 

„Ich glaub, ich spinne.“, sagte ich zu Fox, der neben mir saß und mich erwartungsvoll ansah. Ich bückte mich, nahm ihn auf den Arm, damit er das Dilemma, dass sich auf den Straßen unserer schönen Stadt abspielte, mit eigenen Augen sehen konnte. „Ich glaub, ich spinne.“, wiederholte ich. 

Fox bellte, begann zu zappeln und wollte schon wieder raus in den Schnee. „Ich komm ja.“, knurrte ich und trat kurze Zeit später hinaus in den Schnee. 

Ich sah mich um. Alles hatte sich verändert. Zweifellos waren es immer noch Falkenbrunns Straßen, jedoch im Stil des viktorianischen London. Dasselbe Bild hatte ich noch gestern Nachmittag erblickt, als ich aus dem Fenster sah. Gestern hielt ich es noch für eine Sinnestäuschung. Nur zaghaft wagte ich mich vor, auch Fox war die Sache nicht geheuer und er setzte vorsichtig eine Pfote vor die andere. 

Mit leisem Hufgetrappel näherte sich wieder eine Droschke. Der Rappe, der die Kutsche zog, trug Scheuklappen und trottete träge vor sich hin. 
Ich drehte mich überrascht um und sah dem Gefährt lange nach, ehe es wieder im Dunst verschwand. Ich griff in meine Manteltasche, um meine kalten Hände zu wärmen, als ich plötzlich die Überreste des sonderbaren Holzwürfels in der Hand. Ich nahm ihn heraus. Wie kam er denn in meine Manteltasche? Ich hatte sicher alles in diesem tausendmal verwünschten Koffer gelassen. 

Ich besah ihn mir genauer. Die seltsamen Symbole leuchteten und der gesamte Würfel vibrierte. Was passierte denn jetzt wieder? Ich ließ den Würfel fallen und eines der Symbole änderte sich wie von Zauberhand zu einem Pfeil, der schräg nach rechts über die Straße zeigte. 

„Das heißt wohl, wir sollen über die Straße.“, sagte ich, halb zu mir, halb zu dem Hund. Ich blickte nach links und rechts, ob keine Droschken kamen, und bog in die schmale Gasse ab, auf die der Pfeil gezeigt hatte. 

Kurz darauf befand ich mich auf dem Markplatz, der überquoll von Ständen, Markschreiern und Zeitungsjungen. Einer von ihnen stand vor dem Brunnen mit dem Falken im Sturzflug, dem Wahrzeichen unserer schönen Stadt. 

„Extrablatt! Extrablatt!“, rief der Junge, der in zerlumpter Kleidung steckte und eine schiefe Mütze auf dem Kopf hatte. „Der Zirkus kommt in die Stadt! Erleben Sie den ganzen Dezember aufregende Darbietungen, die verrücktesten Gestalten, Magier und andere Kuriositäten! Extrablatt! Der Zirkus kommt in die Stadt!“

Ich gab dem Jungen einige Münzen, der sich mit freudigem Grinsen und einer überschwänglichen Verbeugung bedankte. Ich nahm mir eine Zeitung und sofort sprang mich die Schlagzeile an. 
Der Circus Curiositas kommt auch in Ihre Stadt. Erleben Sie menschliche Freaks und Kuriositäten aller Art hautnah! Ein besonderer Höhepunkt ist wie in jedem Jahr unser Zauberer, der große Prospero mit seinem Pony Flöckchen und der erstaunlichen Fähigkeit, Raum und Zeit zu bezwingen. Kommen Sie vorbei und sicher Sie sich Karten für die morgige Abendvorstellung.“

Ich blickte fassungslos auf das Bild, das auf der Titelseite des Falkenbrunner Kuriers abgedruckt war. Der kleine Mann auf dem Shetland Pony, dem Koffer in der Hand und dem zerlumpten Mantel erinnerte mich an den Mann in unserer Kühlung. Ein Zauberer aus einem Kuriositätenkabinett, ja das passte. 

Trotzdem hatte ich noch viele, viele Fragen. 


Ich verabschiedete mich von dem Zeitungsjungen und lief durch die verzauberten Gassen zurück zu meinem Institut. Ich staunte nicht schlecht, als alle meine Mitarbeiter fein herausgeputzt auf dem Hof standen. Die Frauen in langen, eleganten Kleidern und die Männer in Wrack und Zylinder. 

„Guten Morgen.“, grüßte ich, lächelte und schloss die Tür zu unserem Büro Neubau auf. Ich blieb für einige Sekunden verdattert in der Tür stehen, denn alle Computer und sämtlich Drucker und Kopierer standen nicht mehr an ihrem Platz. Stattdessen hatten sie Platz gemacht für Feder, Tinte und Papier und einem großen Bücherregal. Nicht einmal eine Kaffeemaschine gab es mehr. 

Doch bevor ich etwas sagen konnte, machten sich alle schon an ihre Arbeit. 

„Aber wie können Sie denn arbeiten ohne Computer?“, fragte ich stammelnd und meine Stimme überschlug sich. „All unsere Sterbefall-Akten sind doch am PC gespeichert und –“

„Wo von reden Sie?“, fragte die junge Frau, Ida, und sah mich verwundert an. 
„Das heißt, der Computer ist nicht weg?“, fragte ich heiser.

„Nein. Es ist alles wie immer. Geht es Ihnen nicht gut, Herr Falkner?“, fragte sie. 

„Ich weiß nicht. Vielleicht leg ich mich besser hin. Ich bin drüben im Haus, wenn Sie Fragen haben.“

Meine Mitarbeiter nickten und ich ging wieder ins Haus. Ich schenkte mir aus dem Schrank einen Schnaps ein, aber die bizarre Szenerie draußen wollte nicht verschwinden. 
Es scheint wohl so, als hätte der große Prospero post mortem Raum und Zeit bezwungen – und ich bin der einzige Zeuge seiner Darbietung …


2 Antworten zu „Dritter Dezember – Auf Spurensuche”.

  1. Na, jetzt wird es aber sehr spannend. Raum und Zeit sind ja bekannlich relativ. Wenn man den Raum zwischen 2 Punkten krümmt spart man sich Zeit. Interesse geweckt.

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  2. Avatar von decaffeinatedthoughtfully5ddf98d932
    decaffeinatedthoughtfully5ddf98d932

    hui, die Welt plötzlich ohne Computer? 😮

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