Aus der Sicht eines Bestatters
Es war knapp fünf, als ich nach einem ausgedehnten Winterspaziergang mit meinem Mischlingshund Fox nach Hause zurückkehrte. Meine wenigen Mitarbeiter hatte ich alle bereits in den wohlverdienten Feierabend geschickt, folglich hatte ich wieder das alleinige Kommando. Auf das könnte ich allerdings auch getrost verzichten. Ich habe kein Händchen fürs Geschäftliche – hatte ich noch nie. Dementsprechend lief auch das Geschäft.
Ich trocknete Fox mit seinem speziellen, geblümten Lieblingshandtuch ab und ließ ihn von der Leine. Er verzog sich auch sogleich auf seinen Platz vor dem altmodischen Kachelofen und ließ mich – wie die Menschen auch – allein.
Ich setzte einen alkoholfreien Punsch auf und setzte mich ins Wohnzimmer vor meine Schreibmaschine. In den Büros nutzten wir natürliche neuste Technologien, aber in meinen eigenen vier Wänden zog ich es vor, unabhängig von Algorithmen, Werbung und aller Ablenkung zu sein.
Gerade hatte ich mir eine Zigarette angezündet, als das Telefon auf dem Beistelltischchen im Flur schrillte. Ich erhob mich von meinem Stuhl und lief begleitet von Fox zu dem fast schon antiken Apparat im Flur.
„Falkner?“, fragte ich und blies den Rauch in die Luft.
„Das Polizeipräsidium Falkenbrunn, wir haben da einen Toten. Können Sie den abholen?“, fragte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Ich war mir sicher, sie schon einmal gehört zu haben, aber ich konnte sie nicht zuordnen.
„Sicher.“, antwortete ich und nahm noch einen Zug an der Zigarette, „wo muss ich hinkommen?“
Der Polizist nannte mir die Adresse, die ich in mein Notizbuch kritzelte. Ich legte auf.
„Fox, es gibt Arbeit!“, rief ich aufgeregt und nahm den Mantel von meiner Garderobe. Ich wunderte mich ein bisschen über die Adresse, denn sie führte aus der Stadt heraus auf einen einsamen Hof.
Wer da wohnte, wusste ich nicht genau. Ich wusste nur, dass sie etwas wunderlich waren. Aber wahrscheinlich sagten die Leute das nur, weil sie mit dir Andersartigkeit der Leute nicht zu recht kamen und sie sich nicht erklären konnten.
Mich, den Totengräber der Stadt, finden sie sicher auch unheimlich. Auch wenn sie es nicht offen zeigten, spüre ich doch, wie sie hinter meinem Rücken über mich redeten.
Ich zog meinen Mantel an und machte den Leichenwagen fertig für den Einsatz.
Eine viertel Stunde später parkte ich meinen Wagen hinter denen der Polizei. Streifenwagen sowie Zivilfahrzeuge parkten vor dem alten Gutshof. Vor dem Flatterband stand ein uniformierter Beamter, der mit ernster Miene auf mich zutrat.
„Würden Sie bitte wegbleiben?“, fragte er und hob seine Hand, um mich am Weitergehen zu hindern.
„Ich bin Bestatter. Ihre Kollegen vom Revier haben mich herbestellt.“, erklärte ich ruhig und zündete mir noch eine Zigarette an.
„Können Sie sich ausweisen?“, fragte der Beamte, dessen Namensschild ihn als S. Müller auswies. Ich stöhnte auf, klemmte mir die Zigarette zwischen die Lippen und wollte meinen Ausweis aus der Manteltasche holen. Zu meiner Rettung trat aus dem Schein der Baustellenstrahler, die den Hof erhellten, ein weiterer Beamter, diesmal in Zivil. Trotz des Schnees und der Eiseskälte trug er nur eine dünne Lederjacke.
„Ist schon gut, Müller. Wir haben ihn verständigt. Lassen Sie ihn durch.“, der Ton war sanft, aber bestimmt.
„Gut.“, gab der Streifenbeamte Müller schließlich nach und hob das Band an, damit ich durchtreten konnte.
„Aber die Kippe machen Sie aus!“, mahnte mich Müller. Ich seufzte schwer und drückte sie im Schnee aus.
„Folgen Sie mir.“, der Zivilbeamte gab mir die behandschuhte Hand. „Entschuldigen Sie den Beamten Müller. Er ist frisch im Dienst und noch etwas übereifrig.“
Ich schmunzelte. „Das ist ja an sich nichts schlechtes.“
„Auf der Akademie haben sie ihn immer den Unvermeidbaren genannt.“
„Wo ist denn die Leiche, die ich abholen soll?“, fragte ich, um den Smalltalk zu umgehen. Er lag mir nicht besonders. „Im Haus?“
„Nein. Und genaugenommen sind es zwei Leichen, die Sie abholen müssen.“
„Zwei? Davon war am Telefon keine Rede. Dafür bin ich gar nicht ausgerüstet.“
„Naja gut, ein Tier und ein Mensch. Aber sehen Sie selbst.“, er gab den Weg frei. Wir hatten das halb im Dunkeln liegende Gutshaus umrundet. Von den Baustellenstrahlern erhellt lag auf dem verschneiten Feld etwa hundert Meter neben dem Haus – noch vor Beginn des Falkenbrunner Forsts – die Leiche eines Mannes und der Kadaver eines gesattelten Ponys.
Ich starrte einige Sekunden verdattert auf den Toten. Nachdem ich meinen Schock überwunden hatte, da ich anfangs dachte es handele sich um ein totes Kind, trat ich langsam an den Mann heran und hockte mich neben den Polizisten Yuri Miller.
„Mein erstes Adventskalendertürchen habe ich mir irgendwie anders vorgestellt.“, kommentierte ich und lachte ob der Absurdität des Szenarios. „Ein toter, kleinwüchsiger Mann neben einem toten, kleinen Shetlandpony.
„Ich mir auch. Was immer mit ihm passiert ist, er schien auf der Flucht.“
„Wie kommen Sie darauf?“, fragte ich und kramte in der Tasche nach einer Streichholzpackung.
„Der Koffer hier im Schnee ist unordentlich gepackt, als ob er in Eile war. Auch die Jacke, er trägt sie auf links.“, sagte Yuri und musterte mich einen Moment skeptisch. „Sie sollten weniger Rauchen, die Dinger bringen Sie irgendwann noch um.“
„Danke, Papa. Ich wird’s mir merken.“, kommentierte ich sarkastisch und sah mich auf der freien Feldfläche um. „Was hatte er so spät hier draußen zu suchen, noch dazu mit einem Shetlandpony?“
„Keine Ahnung, sagen Sie’s mir. Ich würde Sie bitten, die Leiche samt ihren Habseligkeiten mit zu sich ins Institut zu nehmen. So lässt sich am leichtesten die Identität feststellen. Besser als hier draußen in der Eiseskälte“
Die Arbeiten an dem so ungewöhnlichen Tatort zogen sich noch bis spät nach neunzehn Uhr. Der Kadaver des Shetlandponys, das auf den Namen Flöckchen hörte, wurde vom örtlichen Tierarzt abgeholt. Den Leichnam des kleinen Mannes nahm ich mit zu mir in die Kühlung.
Der Arzt, der später noch zur Leichenschau kam, stellte als Todesursache Tod durch Erfrieren fest. Da es als natürliche Todesursache galt, waren meine Freunde von der Kriminalpolizei raus – und ich blieb auf einem kleinwüchsigen Verstorbenen ohne Angehörige sitzen. Sein Name – so stand es jedenfalls eingestickt in den Jacken, die er am Körper trug – war Alexander Michels. Die Polizei geht meist den schnellsten und einfachsten Weg, gerade jetzt in der Weihnachtszeit, in der es für unser eins ohnehin viel zu tun gab. Jetzt standen neben vier einfachen Kiefern- und einem teureren Sarg für die Erdbestattung auch noch unsere Trage in dem all dem Durcheinander, und in ihr drin ein toter Zwerg. Im Vorraum stand der einsame Koffer, den die Beamten im Schnee gefunden hatte. Bei erster Durchsicht ergab sich dabei nicht viel: Ein paar knallbunte Tücher, Spielkarten und ein Totenschädel aus Plastik. Ich hatte mich damit gar nicht erst befasst.
Viertel nach acht erst konnte ich mich wieder auf meinen angestammten Platz vor der Schreibmaschine setzen, der Apfelpunsch in meiner Tasse war längst kalt.
Ich zündete mir noch eine JPS Blue an und tippte erste Sätze in meine Maschine ein:
Es ist der erste Dezember 1975.
John Meiers sitzt in seinem Büro in der New Yorker Versicherungsagentur und erwartet sehnlichst einen Telefonanruf. Ein Anruf von der Army, ein Lebenszeichen seines Sohnes, der als einer der Verschollenen aus dem Vietnamkrieg gilt. Seine Frau hatte ihn schon vor Jahren verlassen. So hält er es zuhause nicht mehr aus, so hat er fast sein ganzes Leben ins Büro seiner Versicherungsagentur verlagert.
Die Agentur ist zu seinem Leben geworden – die Agentur und die Hoffnung auf Dannys Rückkehr. Nur diese hält ihn noch am Leben. Jedes Mal, wenn das Telefon klingelte, jedes Mal, wenn es an der Tür schellte, versetzte ihn in Alarmbereitschaft.
Und jedes Mal diese große Enttäuschung. Würde vielleicht in diesem Jahr sein größter Weihnachtswunsch wahr werden?
Er –
Das Klingeln meines Telefons ließ nun wiederum mich hochschrecken. Ich schüttelte die verzweifelte Figur des hoffnungslosen Versicherungsagenten John Meiers von mir ab und schlüpfte wieder in meine Rolle als Hannes Falkner, der lebensmüde Bestatter kurz vor dem Ruhestand.
Ich humpelte mit eingeschlafenem Bein und unter Fox‘ wachsamen Augen zum Telefon und nahm ab.
„Hannes Falkner?“, fragte ich, und als ich die aufgeregt schnatternde Stimme meiner älteren Schwester Clara erkannte, bereute ich sofort, abgenommen zu haben.
„Hannes!“, rief sie empört aus, „endlich erreicht man dich mal, das sind ja Zustände bei dir. Naja, egal. Was ich dich fragen wollte, mein Mann und ich haben überlegt, ob du nicht am siebten Dezember, am zweiten Advent wieder mit uns essen willst. Es gibt Gans, wie jedes Jahr. Die Mädchen kommen auch, Lina bringt sogar ihren ersten Freund mit, ist das nicht aufregend? Er studiert Lehramt, Grundschullehramt und-“
„Clara, bitte. Tief durchatmen.“, unterbrach ich sie, und schaffte es so, ihren Redefluss zu dämmen.
„Entschuldige. Du weißt, ich kann nicht anders. Auf jeden Fall würden wir uns sehr freuen, wenn du – und von mir aus gerne auch dein Hund – zu uns zum Essen kommen. Es tut mir immer leid, wenn ich sehe, wie einsam du bist. Was du brauchst, ist eine Frau, die dich ein wenig aufheitert.“
Als ich diesen Satz hörte, legte ich sofort den Hörer auf. Ich hatte schon seit langem genug von den Verkupplungsversuchen meiner Schwester. Natürlich würde ich sie dennoch zum Gänseessen besuchen. Mein abruptes Auflegen war für sie sicherlich eine Zustimmung. Ich brauchte keine Frau – ich war glücklich als Junggeselle.
Es gibt zwar eine Frau in meinem Leben, aber die habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen. Ich weiß nicht mal, wo sie wohnt, geschweige denn wie sie jetzt aussieht oder ob sie noch lebt.
Ich trottete zurück in mein Wohnzimmer, löschte das Licht und die Kerzen und begab mich ins Bett.
Als ich so da lag und an die Decke starrte, ließ ich den eigenartigen Abend noch einmal Revue passieren …
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