„Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten.
Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.“
Galater 6:7
Prolog
Polizeistation Rotenburg an der Fulda, Freitag, 13. Juni, 18:15 Uhr
Die Finger des Mannes zitterten, als er erneut eine Zigarette aus dem silbernen Etui mit dem Kreuz fischte.
Kommissar Felix Anderson beobachtete den Pfarrer schon seit Betreten des Büros skeptisch.
„Hier herrscht absolutes Rauchverbot.“, wiederholte er stoisch die Worte von vor zwei Minuten.
„Ich will nicht rauchen.“, verteidigte sich der Geistliche, „manchmal hilft es schon, wenn ich die Zigaretten nur berühre. Um nachzudenken, verstehen Sie?“
„Gut, von mir aus. Wenn Sie mir dann endlich von Ihrem Anliegen berichten würden?“
Schon seit einer Viertelstunde saß der hypernervöse Pfarrer bereits bei ihm und hatte noch nicht ein vernünftiges Wort gesprochen, nur unverständliches Gebrabbel.
„Ich werde erpresst.“, brachte er schließlich hervor und sah sich fahrig in dem dunklen Büro um. Trotz des Sommerabends fiel nur spärlich das Tageslicht durch die schmalen Fenster.
Na, endlich brauchbare Informationen, dachte Felix und machte sich eine Notiz auf dem bisher leeren Blatt. Er räusperte sich, um die Stimme zu festigen. „Warum werden Sie erpresst und vom wem?“, fragte er weiter.
Der Mann schwieg und lockerte seinen Hemdkragen. „Das … das … ich habe den Brief aufgehoben, möchten Sie ihn sehen?“, fragte der Pfarrer und schluckte erneut schwer.
„Bitte, nur zu.“, sagte Felix und machte eine einladende Handbewegung. Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
Der Mann fischte den Brief umständlich aus der Innentasche seines dunkelgrauen Jacketts und reichte ihn Anderson mit zittrigen Fingern.
Er faltete den Brief auseinander. In sauberer, ordentlicher Handschrift war darauf Folgendes zu lesen:
„Ich weiß, was Sie auf der Konferfreizeit mit den jungen Mädchen gemacht haben. Wie Sie sie ausgenutzt und weggeworfen haben, als wären sie Abfall. Wenn Sie nicht wollen, dass diese Information öffentlich gemacht wird und Sie Ihren Job und Ihr Ansehen verlieren, dann hinterlegen Sie 10.000 Euro im Bücherturm am Gerichtsparkplatz. Dort stehen eine alte Ausgabe von Oscar Wildes »Bildnis des Dorian Gray« und Jule Vernes »Reise um die Erde in Achtzig Tagen«. In dem leeren Fach dort drunter deponieren Sie bitte das Geld in kleinen Scheinen. Sie haben Zeit bis zum 15. Juni um Mitternacht, andernfalls sehe ich mich leider gezwungen, die Eltern der Mädchen zu informieren. Ihnen ist hoffentlich klar, wie Väter reagieren, wenn man ihren kleinen Prinzessinnen etwas antut. Gezeichnet, C.A.M.“
Felix seufzte. Wieder einmal aufs Neue hasste er sein Neutralitätsgebot als Polizist.
„Stimmen denn die Anschuldigungen?“, fragte er, und blickte sein Gegenüber eindringlich an. Der Pfarrer hielt seinem Blick nicht Stand und schwieg.
„Das deute ich dann mal als ja.“, seufzte er. „Mutig von Ihnen, damit zu mir zu kommen. Sie werden einer schweren Straftat beschuldigt, das ist Ihnen hoffentlich klar?“, fragte er noch einmal, auch weil er nicht glauben konnte, was er las. Und dass der Pfarrer es auch noch zugab, ohne rot zu werden.
„Ja. Weiß ich, und was ich getan hab, tut mir unendlich leid.“
„Das gibt den Mädchen ihr Leben und ihre Würde auch nicht mehr zurück. Das haben Sie ihnen genommen.“, sagte Felix mit bestimmtem Tonfall.
Der Mann zog geräuschvoll die Nase hoch.
„Und was wollen Sie jetzt von mir? Ich hoffe nicht, dass wir für Sie das Lösegeld zahlen sollen.“, sagte Felix, unterdrückte ein Lachen und sah den Mann wieder skeptisch an.
„Nein, nein!“, rief der Pfarrer aus, und wehrte sofort ab. „ich … ich werde das Geld hinterlegen, ich möchte nur, dass Sie Sonntag um Mitternacht die Augen aufhalten und den Verbrecher Dingfest machen. Es kann doch nicht sein, dass so jemand frei rumläuft.“
„Das sagt der über Sie bestimmt auch.“
Der Pfarrer schwieg erneut.
„Ich werde gar nicht erst fragen, woher Sie das viele Geld haben.“, kommentierte Felix kopfschüttelnd.
„Was ist jetzt? Sie sind dabei oder nicht?“, fragte er in einem kumpelhaften Tonfall, der Felix anwiderte. „Vielleicht ist der Erpresser ein großer Fisch, der Ihnen da ins Netz geht. Ich habe schon von mehreren solcher Erpressungen gehört.“, sagte Hochwürden in einem letzten Versuch, sich selbst zu retten. Er spielte mit dem großen Siegelring an seiner rechten Hand.
„Im Moment zappelt in meinem Netz nur ein Sexualstraftäter, der sich mit dem Erpresserschreiben hier selbst entlarvt hat. Ich könnte Sie auf der Stelle festnehmen, die Mädchen ausfindig machen und ihnen helfen, das Geschehene zu verarbeiten. Ich habe mich über Sie informiert, Herr Pfarrer Wendler.“, Felix klopfte demonstrativ die sieben gedruckten Blätter zusammen und hielt sie vor, um davon zu lesen. „Ihre alte Stelle hat Sie deswegen hier her versetzt, weil Sie sich da auch ungebührlich den jungen Damen gegenüber verhalten haben.“
„Aber das ist Vergangenheit.“, keifte Wendler. „Alles Vergangenheit.“
„Sieht mir nicht so danach aus.“, konterte Felix. „Lassen Sie sich eins gesagt sein.“, er beugte sich zu Wendler vor, genug, um ihn bedrohlich anzuzischen.
„Ja?“, fragte dieser und schluckte erneut.
„Sie sind mir zuwider.“, entgegnete der Polizist leise. „Vielleicht finden Sie in den anderen Büros einen, der sich des Falles annimmt. Von mir können Sie keine Hilfe erwarten. Und jetzt verlassen Sie augenblicklich mein Büro, oder ich nehme Sie fest wegen sexueller Belästigung von Minderjährigen.“
»Alkohol konserviert alles, ausgenommen Würde und Geheimnisse.«
– Robert Lembke
1.
Pub »Ferryman’s Delight« am Fuldaufer, Freitag, 13. Juni, gegen 21:30 Uhr
„Ich weiß nicht, was ich mit meinem Leben anfangen soll, wenn sie mich verlässt.“
Der etwas rundliche Mann Mitte Fünfzig saß auf einem der Barhocker mir direkt gegenüber. Ich war hinterm Tresen grade mit Gläserspülen beschäftigt.
„Aber warum sollte sie Sie verlassen?“, fragte ich. Das feuchte Geschirrtuch hatte ich mir über die Schulter geworfen. „Es ist ja nicht so, als ob Sie sie betrogen hätten.“, lachte ich, doch der Blick des Mittfünfzigers sprach Bände. „Dann ist es vielleicht nicht so abwegig, dass sie Sie verlässt“, ergänzte ich.
Er seufzte schwer – und bestellte noch ein Bier.
Mag sein, dass der Mann mir seinen Namen genannt hatte. Falls ja, hatte ich ihn gleich wieder vergessen. Mitmenschen waren nicht so mein Ding, auch wenn das auf den ersten Blick vielleicht etwas anders wirkte.
Meine Bedienung Lucy kam um die Ecke und reichte mir einen Zettel. „Tisch 12 wartet immer noch auf ihre Getränke. Ich wurde grade mehr oder weniger höflich darauf hingewiesen.“, wisperte sie und lächelte spitz.
„Tut mir leid.“, sagte ich, an meinen Patienten gewandt. Ich beugte mich zu Lucy. „Übernehmen Sie das?“, fragte ich leise, „ich muss hier dringend psychologische Hilfsarbeit leisten.“
Lucy musterte das Häufchen Elend am Tresen von oben bis unten und nickte dann.
„Gut.“, sagte sie schlussendlich und verschwand die Treppe nach unten in den Keller, um neue Getränke zu holen. Sieben Schüler und Studenten, bunt gemischt und jeden Alters, arbeiteten bei mir aushilfsweise als Kellner.
Sie verdienten sich gerne was dazu – und ich war gern bereit, jugendliche Talente zu fördern.
„Ist nicht schlimm.“, riss mich die Stimme des Mannes aus meinem inneren Monolog. Er nahm einen Schluck Bier, „wo waren wir stehen geblieben?“
„Sie haben Ihre Frau betrogen.“, nahm ich den Faden unseres vorigen Gesprächs wieder auf. Währenddessen spülte ich weiter gedankenlos die bereits sauberen Gläser.
„Ach, ja, richtig. Und jetzt droht sie mir mit der Scheidung.“, er machte eine nicht zu deutende, wirre Geste in der Luft und sah mich dann eindringlich an: „Haben Sie da einen Rat für mich? Noch ‘n Bier bitte.“, nuschelte er und ich zapfte es ihm in eins der frischgespülten Gläser.
„Hier.“, sagte ich belustigt und stellte es ihm neben das andere, noch halbvolle Glas.
„Ich weiß nicht. Vielleicht hilft es, wenn Sie nochmal mit ihr reden?“, fragte ich schulterzuckend.
Der Mann gab einen sonderbaren Laut von sich, der entfernt an ein Seufzen erinnerte und nahm einen großen Schluck aus dem frischgezapften Bier. Der Schaum verfing sich in seiner exorbitanten Oberlippenbehaarung. Frustriert knallte er das Glas zurück auf den Bierdeckel.
„Das habe ich schon versucht. Schon hunderte Male.“, brummte er. „Sie wird dann immer wie eine Furie und ich bin es, der im Hotel übernachten muss.“
„Wenn Sie sie doch ohnehin betrogen haben, warum ziehen Sie dann nicht zu ihrer neuen Angebeteten?“, fragte ich pragmatisch und sah dem kleinen Häufchen Elend in die braunen Augen.
„Weil Ledia verheiratet ist.“, knurrte er nur als Antwort und widmete sich dem fünften Bier des Abends.
„Aha, jetzt wird es interessant! Weiß denn ihr Mann von der Affäre?“ Ich stützte mich interessiert auf dem Rand des Spülbeckens ab und beugte mich zu ihm vor.
„Ich glaube nicht. Jedenfalls hoffe ich nicht. Wenn der davon Wind kriegt, bin ich ein toter Mann.“, maulte mein Gegenüber.
„Klingt nach einem üblen Zeitgenossen, Frank.“, sagte ich. Ha! Endlich, mir war sein Name wieder eingefallen.
„Sie sagen es.“, er seufzte erneut schwer, erhoffte sich wahrscheinlich so mein Mitleid. „Ledia ist so eine hübsche Frau – und mit so einem Idioten zusammen. Einem Idioten, der sich Bürgermeister schimpft.“, er nahm noch einen großen Schluck von seinem Pils.
Mir war schon bei der Nennung des ungewöhnlichen Vornamens klar, dass es sich bei Ledia nur um die First Lady des Rotenburger Rathauses handeln konnte.
Ich beobachtete meinen Patienten und fragte mich, wie er es geschafft hatte mit seinem Aussehen eine Schönheit wie Ledia Svensson rumzukriegen.
Nicht, dass ich mir etwas aus Frauen mache, aber dass Ledia gut aussieht, ist eine unbestreitbar richtige Tatsache.
„Sie stecken ziemlich in der Tinte, hm?“, fragte ich ihn gespielt mitfühlend, schenkte ihm einen Schnaps ein und reichte ihm das kleine Gläschen. „Weiß Ihre Frau denn, mit wem Sie sie betrogen haben?“, fragte ich vorsichtig.
„Nein, und ich hoffe, das erfährt sie auch nie.“, er lachte freudlos, „Dann kriege ich von beiden Seiten Morddrohungen. Ich… ich kann doch auf Ihre Diskretion zählen, M?“, fragte er.
„Was Sie mir erzählen, ist wie ins offene Grab gesprochen.“, versprach ich und versiegelte symbolisch die Lippen.
Sein ausdrucksloser Blick glitt an mir vorbei aus dem Fenster, direkt in den Sonnenuntergang. Dann fiel er zurück auf die Uhr. „Oh Gott“, rief er erschrocken, und sein Gesicht wurde noch bleicher als ohnehin schon. „Ich muss nach Hause. Wenn Tilda mitkriegt, dass ich wieder in der Kneipe hocke … Schreiben Sie’s auf? Ich bin morgen wahrscheinlich eh wieder hier. Einen anderen Lichtblick als Ihre Theke und Ihre Getränke habe ich im Moment sowieso nicht. Nicht mal meine Enkelin kann mich aufheitern.“, er nestelte an seiner Jackentasche herum und zog das kleine Bild eines blondgelockten Mädchens heraus. „Das ist Lina.“, er reichte mir das Passfoto. „Ist sie nicht ein Sonnenscheinchen?“, fragte er, die Sprache verwaschen von Alkohol und Tränen.
Was für ein erbärmliches Leben, dachte ich – „Wirklich süß.“, zwang ich mich stattdessen zu einer Antwort und einem aufmunternden Lächeln. „Meinen Sie nicht, sie wäre stolz auf Sie, würden Sie das Trinken und Ehebrechen einstellen?“
„Des war nur ein Ausrutscher.“, murrte er. „Ledia ist wie eine Sirene. Sie hat mich betört, verführt!“, versuchte er auch noch, seinen Seitensprung zu rechtfertigen.
„Das ist Ihre Sache. Ich bin nur hier für die Getränke und die psychologische Unterstützung.“
„Hm.“, machte er nur. Kurz herrschte wieder Schweigen. „Naja, danke jedenfalls für den Schnaps.“ Er erhob sich schwerfällig. „Sie sind ein guter Mann, Mailo.“, meinte er zum Abschied und nickte mehrere Male hintereinander. Seine Bärenpranke landete auf meiner Schulter. Ich folgte mit den Augen skeptisch seiner Hand. Nach der gestenreichen Verabschiedung schwankte er durch die Menschenmenge nach draußen.
Ich sah ihm kopfschüttelnd hinterher und griff nach den fünf leeren Gläsern, die aufgereiht auf der Theke standen.
„Er ist schon eine arme Seele.“, kommentierte ein anderer Mann, der einige Plätze neben ihm gesessen hatte. „Gibst du mir noch eine Rhabarberschorle?“ Er deutete mit einem Nicken auf die leere Glasflasche vor sich.
„Klar.“, ich lächelte, „Für das Auge des Gesetzes doch immer.“ Ich zwinkerte dem Polizisten zu. Ich kannte ihn schon von der Schule, wie fast alle meines Alters.
Fast jeden Abend kam er nach Dienstschluss in meinen Pub. Mal allein, mal mit Kollegen – man konnte schon fast die Uhr danach stellen.
Er bestellte immer das Gleiche: drei Rhabarberschorlen, dazwischen ging er zwei Mal aufs Klo und fuhr dann wieder nach Hause zu Frau und Tochter in den Nachbarort.
Felix Anderson lächelte und nahm die volle Flasche entgegen. „Was war das für ein Scheißtag heute. Vielleicht bestell ich auch mal was mit Alkohol. Was war das für Zeug, dass du dem armen Frank gegeben hast?“, fragte er und lugte neugierig über den Rand der Theke.
„Obstler.“, antwortete ich. „Aber du musst fahren.“, wies ich auf den Mercedes Schlüssel, der neben der Glasflasche lag.
„Wer soll mich denn anhalten?“, fragte er und lachte trocken. „Ich bin doch die Polizei. Aber du hast recht, damit wollen wir gar nicht erst anfangen.“, kam er doch noch zur Vernunft. „Ich bin ja nicht wie meine Frau, die nach drei Aperol Spritz noch fahren will.“, ermahnte er sich selbst und kicherte dabei glucksend.
„Die Einstellung lob ich mir.“, entgegnete ich und nickte anerkennend. „Das sollten sich viel mehr zu Herzen nehmen, dann hätte Mina nicht so viel zu tun.“
Meiner Schwester Mina gehörte das Bestattungsinstitut hier im Ort. Sie hatte schon was-weiß-ich-wie-viele Autounfälle durch Alkoholeinfluss oder generell Tote durch Alkoholvergiftung. „Wenn man sich ihre Erzählungen so anhört, könnte man glauben, saufen ist hier der Volkssport der Region.“
„Schlimm, wenn man so drüber nachdenkt. Ich war auch schon an mehreren solcher Einsätze beteiligt. Wie tief ein Mensch doch sinken kann. Man braucht sich nur Frank angucken, der ist auf dem besten Weg dahin.“
„Willst du drüber reden, was passiert ist?“, fragte ich. „Weil du gemeint hast, dass dein Tag so scheiße war.“
„Du weißt, das kann ich nicht, Schweigepflicht. Ich könnte allerhöchstens zur Beichte gehen … obwohl. Nee, nee. Das lass ich lieber auch.“ Er schüttelte frustriert den Kopf und nippte an seiner Schorle.
Ich blickte auf die Uhr. 22:10 Uhr. Pünktlich auf die Minute, dachte ich, als sich Anderson von seinem Hocker erhob. „Ich bin mal kurz für kleine Polizisten.“, sagte er und grinste verunglückt in meine Richtung.
Ich nickte verständnisvoll. Als er außer Sichtweite war, und ich mich versicherte, dass alle anderen an ihren Tischen mit Essen oder ihrem Getränk beschäftigt waren, schlich ich um den Tresen und holte aus der Tasche der dunkelbraunen Lederjacke Felix‘ Dienstausweis. Wie selbstverständlich ließ ich ihn in meiner Hosentasche verschwinden.
Als ob nichts gewesen wäre, kehrte ich hinter den Tresen zurück; keine zwei Minuten später erschien der Kommissar wieder und leerte seine letzte Rhabarberschorle. Er raffte seine Sachen zusammen und lächelte mich an. „Routinen sind etwas Wunderbares, nicht wahr?“, fragte er und strich die Serviette neben dem Glas glatt.
„Ja. Sie geben Halt in dem furchtbaren Durcheinander, dass sich Leben nennt.“, schloss ich mich ihm an und grinste.
„Du sagst es, mein kleiner Poet.“, er erhob sich schwungvoll. „Also dann, gute Nacht, mein Fürst“
„Gute Nacht, Herr Kommissar.“, ich streckte von meinem Kopf zwei Finger ab und nickte zum Gruß. Felix verließ die Kneipe, und ich lachte innerlich über das falsche Vertrauen, das er in mich setzte.
Wenn Sie mich nicht kennen sollten, ist es jetzt vielleicht an der Zeit, mich kurz vorzustellen:
Ich bin Mailo. Vor drei Jahren habe ich aus einer Laune heraus den Pub Ferryman’s Delight am Fuldaufer eröffnet. Eine Sache, der ich mir vorher nie bewusst war, ist, dass manche Menschen einem als Barkeeper Sachen anvertrauen, die sie nicht mal einem Therapeuten erzählen würden.
Die verzweifelte Hausfrau, ihr untreuer Ehemann, Schüler mit Liebeskummer, Lehrer und andere Beamte, die an der Theke bei einem Bier und ein paar meiner Zaubertricks ihren Alltagstrott hinter sich ließen. Die Vorstandschefs großer Unternehmen, die sich mit Geld kauften, was sie wollten und mich nach einer schnellen Nummer fragten, der Pfarrer, der mir nach vier Obstlern und drei Bier gestand, dass er die Konfirmandinnen auf der Freizeit belästigt hatte. Der Stammtisch, der damit prahlte, welche Frauen sie in ihrem letzten Thailand Urlaub alle belästigt haben, die geheimen Pläne der Regierung und der Aufruf zum Sturm eines Flüchtlingsheims sowie die Glorifizierung der deutschen Herrenrasse. Sie alle waren meine Patienten, wie ich sie liebevoll nannte.
Meine Patienten und – meine Geldquellen. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie viel die Menschen bereit sind zu bezahlen, wenn sie glauben, ihr Ruf wird ruiniert.
Bisher haben alle brav bezahlt und mich zu einem reichen Mann gemacht. Allerdings gibt es auch Menschen, die ich verschone:
Manchmal besuchten mich auch Kinder, die für Pommes, Cola, eine Tafel Schokolade, ein neues iPhone oder ein kleines Taschengeld fast alles taten, was ich von ihnen verlangte:
Wenn ich neue Informationen über meine Patienten brauchte, waren diese Kinder meine erste Wahl! Kinder kamen überall rein, Kinder waren nicht verdächtig und allgemein beliebt – und das Allerbeste: Sie waren nicht oder nur bedingt strafmündig.
Ich hatte einen Deal mit den meisten und bisher gab es nie Probleme oder Beschwerden und –
eine Bestellung riss mich aus meiner Gedankenwelt.
Wie automatisiert zapfte ich das x-te Bier an diesem Abend und atmete tief ein. Ich war müde. Müde und ausgelaugt.
Erschöpft beobachtete ich die unterschiedlichen Arten von Menschen, die drinnen, als auch auf der Terrasse aßen, tranken und ihren Feierabend ausklingen ließen.
Viele kamen hier her mit ihren Freunden und Kollegen, einmal hatte ich es sogar schon, dass jemand seiner Freundin hier einen Heiratsantrag auf meiner Terrasse gemacht, mit Blick über die Fulda. Ich war im Allgemeinen kein großer Fan von Beziehungen und schon gar nicht vom Heiraten, aber das stellte ein Highlight meiner bisherigen Karriere dar.
Zumindest meine weiblichen Bedienungen waren alle Feuer und Flamme, als der Mann damals mit der Idee auf uns zu kam.
Der Abend verging, und endlich wurde es zwölf Uhr. Sperrstunde. Die letzten Schnapsnasen, die sich vor etwa einer Stunde am Tresen eingefunden hatten, trollten sich nach ihrem letzten Obstler nach draußen, und meine Bedienungen verabschiedeten sich in den wohlverdienten Feierabend.
Ich lauschte für einen Moment der Musik, die im Hintergrund lief, aber im Geschnatter der vielen Gäste untergegangen war. Eins meiner Lieblingslieder, Drive von The Cars.
Als alle gegangen waren, schloss ich die Tür ab und kehrte hinter die Theke zurück. Ich ordnete alles genau, und begab mich in die Küche.
Rick, einer meiner Tellerwäscher, war noch da. Ich verzog meinen Mund zu einem schmallippigen Lächeln und bat ihn, ebenfalls zu gehen.
„Du hast für heute frei mein Freund.“, bestimmte ich. „Geh zu deinem Sohn.“
„Aber mein Geld …?“, fragte er.
„Mach dir keine Sorgen, das bekommst du trotzdem.“, entgegnete ich und schenkte ihm jetzt ein wärmeres Lächeln.
„Danke.“, seine Augen blitzten begeistert auf. Er warf die Handschuhe und sein Handtuch auf die Spüle. „Du bist echt der Beste.“
Vielleicht war mein Denken nicht unbedingt wirtschaftlich, aber ich hatte in der Nacht lieber meine Ruhe. Die Nacht gehörte schon immer nur mir allein.
„Keine Ursache.“
„Aber was ist mit dir? Willst du nicht auch irgendwann mal schlafen?“, fragte er und musterte mich mit besorgtem Blick.
Ich schüttelte den Kopf. „Nee, du weißt doch wie es heißt: Keine Ruhe für die Seelenlosen.“, sagte ich. „Und jetzt mach, dass du verschwindest.“, fügte ich mit Nachdruck an.
Er nickte und verabschiedete sich schnell; ich blieb allein zurück. Ich trennte mein Handy von der Bluetooth-Box und verband meine Kopfhörer damit.
Während ich den Abwasch machte und Musik hörte, konnte ich wunderbar nachdenken, über meine Einsätze in den nächsten Tagen.
Da war einmal mein Plan, den alten Wong Fu – den Besitzer unseres Asia Imbisses zum Reden zu bringen.
Aus zuverlässiger Quelle namens Stammtisch hatte ich nämlich erfahren, dass der alte Drecksack seine Töchter – eine davon erst 17 – zum Sex verkaufte. Sein Pech war es, dass seine Kunden anscheinend nichts für sich behalten konnten, und beim Feierabendbier damit prahlten, eine kleine Asiatin geknallt zu haben.
Man musste nur eins und eins zusammenzählen und man wusste, für was die Nummer 73 für ein Synonym war.
Ich grinste ich mich hinein. Dabei war mir der Dienstausweis von Felix Anderson eine große Hilfe.
Nicht immer, aber doch immer öfter bediente ich mich in letzter Zeit ein paar kleiner Taschenspielertricks, die ich in der Vergangenheit gelernt hatte.
Da die Polizei hier ein korrupter Haufen Scheiße ist und knietief im Verbrecher-Sumpf mit drinsteckte, habe ich ein leichtes Spiel, um auf meine Art für Gerechtigkeit zu sorgen.
Es ist ein einsamer Kampf, und die Mittel nicht immer fair, aber es gab zumindest mir das Gefühl, etwas bewegt zu haben.
Es gab mir ein besseres Gefühl – und viel Geld.
Dieser Pfarrer, der die schlafenden Konfirmandinnen begrapschte, die Frau des Bürgermeisters mit ihren heimlichen Affären und Liebschaften, oder Bestechungsgelder in der Stadtverordnetenversammlung.
Und das Schöne war: die Leute erzählten es mir, ohne dass ich groß nachfragen musste.
Es war ein komisches Phänomen. Die Leute vertrauten mir, ohne mich wirklich zu kennen.
Wie Taxifahrern, Busfahrern, Zugführern, Piloten, Polizisten, Lehrern, Ärzten, Feuerwehrleuten, Kindern …
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