Tick Tack (2)

Nachdem Mathis gegangen war, saß Brian noch lange auf dem Balkon. Er dachte an die vergangenen Ereignisse, die zu diesem sonderbaren Treffen jetzt geführt hatten …

18. August, acht Uhr morgens

„Was können Sie mir über den Toten sagen?“

Brian Cooper sah die Zeugin, eine junge, werdende Mutter, die die Leiche gefunden hatte, mitfühlend an. Ihr Gesicht war noch bleicher als das der Leichen, die er bisher sehen musste. Walter Zimmermanns Leiche lag mit dem Gesicht voran auf dem Schreibtisch, der Kopf nicht mehr als solcher zu erkennen.

„Nicht viel.“, sie schluchzte erneut, „alle haben Herrn Zimmermann gemocht. Besonders für die Kinder hatte er was übrig“

„Wie meinen Sie das?“, fragte er.

„Er hat ihnen immer Geschichten erzählt und jedes Mal, wenn einer bei Ihnen im Laden eingekauft hat, gab es an der Kasse Süßigkeiten, deswegen ist mein kleiner Luis auch immer so gerne mit mir hier hingegangen.“

Ein erneuter Weinkrampf schüttelte sie und Lani Fink, seine junge Kollegin, schob ihr einen Stuhl hin.

„Ich kann nur bestätigen, was die Dame hier sagt.“

Ein weiterer Mann hatte den Antiquitätenladen betreten. An seinen Wanderstiefeln haftete Schmutz und die Kleidung roch nach Wald und toten Tieren; biss sich ganz und gar eklig mit dem Duft von altem Leder und Lakritz Drops, der den Laden beherrschte.

„Wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“, Brian entschuldigte sich bei seiner Kollegin und der jungen Frau und trat auf den Jäger zu, auf dessen Rücken eine Schrotflinte hing.

„Sie dürfen. Ich bin Rudi Bechstein, ich bin hier sowas wie der Bürgermeister von Falkenbrunn. Darf ich fragen, warum bei einem toten Antiquar die Kriminalpolizei ermittelt?“, fragte er.

„Er ist keines natürlichen Todes gestorben – ihm wurde der Schädel eingeschlagen. Wollen Sie ihn sehen?“, entgegnete Brian emotionslos.

„Gott bewahre, nein.“, sagte er, wagte dann aber doch einen Blick vorbei an Brian und wurde augenblicklich kreidebleich.

„Was haben Sie dann am Tatort zu suchen?“, fragte Brian.

„Können wir das draußen besprechen? Ich brauche frische Luft.“, bat der Mann.

Brian machte eine einladende Geste: „Nur zu.“, sagte er und lächelte, aber sein Lächeln war nicht echt.

Rudi Bechstein holte tief Luft. „Ich bringe Walter seine Bestellung, zwei Karnickel und Wildschweinbraten, selbstgeschossen.“, erklärte der alte Mann mit stolzgeschwellter Brust.

„Ich hoffe doch alles legal.“, kommentierte Brian.

„Aber selbstverständlich, Sie Fatzke.“, blaffte Bechstein und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was macht eigentlich so’n britischer Snob wie Sie bei unserer Kripo? Haben Sie da oben, was verbrochen, dass Sie hier hermüssen?“, Bechstein lachte gehässig.
„Ich bin hier, um meine Mutter nach dem Tod meiner Schwester zu unterstützen, aber mit Menschen wie Ihnen sehe ich das Leben hier durchaus als Bestrafung an.“, erwiderte Brian.

Das Lachen des Mannes gefror und er sah ihn scharf an, sagte jedoch nichts.

„Wissen Sie schon, wer ihm das angetan hat?“, fragte er stattdessen.

„Wir gehen aktuell von einem Überfall aus. Das ganze Geld in der Kasse fehlt und die Scheibe wurde eingeschlagen, um sich Zutritt zu verschaffen.“

„Schlimme Sache, das. Sagen Sie mir bitte Bescheid, wenn Sie die Täter haben?“, fragte er und schulterte sein Gewehr.

„Nein. Falls Ihnen wiederum etwas einfallen sollte, was von Interesse ist, rufen Sie mich bitte an.“, er drückte Bechstein seine Visitenkarte in die Hand, „ansonsten sind Sie erstmal entlassen.“

Bechstein murrte etwas Unverständliches und verschwand die Straße aufwärts.
Brian grinste und kehrte zu seiner Kollegin Lani zurück.

„Was eine unangenehme Person.“, sagte er.

„Bechstein? Ach, der ist harmlos.“, sagte Lani, „Große Klappe, nichts dahinter, wenn Sie mich fragen.“

„Er hatte eine Schrotflinte geschultert, so harmlos sah er nicht aus. Aber solange er Sie nur gegen Tiere einsetzt.“

Es klopfte an der Tür. Brian eilte wieder durch den vollgestellten Laden und öffnete. Es war der Rettungsdienst, den Sie für die Zeugin gerufen hatten.

„Guten Tag, der Rettungsdienst. Sie hatten uns gerufen?“, sagte einer der Sanitäter seine auswendig gelernten Phrasen auf.

„Ja, kommen Sie mit. Die junge Frau hier hat die Leiche gefunden, sie steht völlig neben sich und da sie schwanger ist, ist es uns lieber, wenn man sie einmal mehr durchcheckt.“

„Ich verstehe. Frau Schmidt? Können Sie aufstehen? Dann begleiten Sie uns doch einmal zum Rettungswagen, dort erhalten Sie die beste Versorgung.“

Brian steckte ihr schnell noch eins seiner Kärtchen in die Handtasche, die er zum Rettungswagen hinterher brachte. Kaum war der Rettungswagen gestartet, hielt fast am selben Platz eine nachtschwarze Limousine. Ein Mann und eine Frau, ebenso schwarz verkleidet wie das Auto, stiegen aus.

Der Mann kam auf ihn zu.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Brian. Er seufzte innerlich.

Wie viele Leute wollten seinen Tatort heute noch verunstalten?

Da plötzlich stolperte Lani wieder aus der Tür. „Ach, Naddie, da seid ihr ja.“, sie begrüßte die junge Frau mit einer ungelenken Umarmung, die blutverschmierten behandschuhten Hände von ihrem Körper weghaltend. „schön, dich mal wieder zu sehen, lange ist es her. Hallo Mathis.“

„Ihr kennt euch?“, fragte er.

„Ja, das sind die Bestatter. Ich habe sie angerufen, für den Abtransport der Leiche. Das machen wie hier immer so, ich hoffe das war okay?“

Brian hob abwehrend die Hände. „Das ist Ihr Revier. Ich bin hier nur Gast.“, sagte er und lächelte entschuldigend.

„Ich bin ja so aufgeregt. Mein erster, eigener Fall.“, sie warf einen Blick auf Brian, „Naja, fast.“

Naddie – im richtigen Leben war sie Nadja Theiss, Mathis älteste Mitarbeiterin und Lanis beste Freundin, wie sich herausstellte.

„Frauen.“, sagte Boyer und lachte, als die beiden kichernd den Antiquitätenladen betraten, „ich komme einfach nicht dahinter.“
„Machen Sie sich nichts draus“, kommentierte Brian, „ich ebenso wenig. Wir kennen uns noch gar nicht: Brian Cooper, Kriminalpolizei Falkenbrunn. Jedenfalls vorübergehend.“

„Mathis Boyer, ich bin der Inhaber des Bestattungsinstituts. Nett, Sie kennenzulernen. Ein erfrischend anderes Gesicht als die ewig gleichen Saufnasen.“, lachte er.

„Danke.“, sagte Brian. „Machen Sie das schon lange? Das muss doch zermürbend sein, jeden Tag mit Tod und Trauer zu tun zu haben.“

„Man gewöhnt sich dran. Sie kommen aus England. Norfolk, um genau zu sein, oder?“, fragte Mathis.

Brian sah ihn verblüfft an. „Woher wissen Sie das denn?“

„Falkenbrunn ist ein kleines Dorf, so etwas spricht sich schnell rum. Der inoffizielle Bürgermeister hat vorhin schon eine Krisensitzung einberufen. Zimmermann war ein alter Freund und Jagdgenosse von ihm. Das alles nimmt ihn sehr mit. Er fürchtet, er könnte der nächste sein, der mit eingeschlagenem Schädel endet.“

„Da soll er unbesorgt sein. Im Moment gehen wir noch von einem gescheiterten Überfall aus, wobei mir das Vorgehen äußerst brutal erscheint. Aber was quatschen wir uns hier auf dem Bürgersteig fest, wir sollten besser rein gehen.“

 

Es war kein schöner Anblick, als sie eintraten. Die Tatwaffe, ein rotbrauner Ziegelstein, lag einige Meter entfernt des Toten.

Ihm wurde mindestens sieben Mal mit brachialer Gewalt auf den Schädel geschlagen. Als sie ihn umgedreht hatten, war auch vom Gesicht nicht mehr viel zum Identifizieren übrig.

„Wissen wir denn, ob es wirklich der alte Zimmermann ist?“, fragte Mathis mit verzerrter Miene. Er hatte schon schlimme Unfälle gesehen, Schienensuizide, Schusswunden mit Schrotgewehren, aber das, was von Zimmermanns Kopf und Gesicht noch übrig war, übertraf bisher alles an Grausamkeit.

„Wir haben seine Brieftasche mit Ausweis in der linken Hosentasche gefunden. Aktuell gehen wir davon aus, aber genaueres wird die Obduktion sagen.“

„Also bleibt er erstmal beschlagnahmt?“, fragte Mathis.

Brian nickte. „Ja, bis wir genaueres wissen.“, er wandte sich an Lani: „Gibt es eine Möglichkeit die Leiche fortzuschaffen, damit der Arzt eine vernünftige Leichenschau machen kann?“, fragte er.

„Mathis hat eine große Kühlung samt Versorgungsräume. Da machen wir meistens die Leichenschauen. Auch wenn wir hier bisher noch keinen Mord hatten.“

„Keinen Mord?“, fragte Brian belustigt. „Was denn dann? Ich dachte grade hier, zwischen Stammtischparolen und Traktorparaden ist es nicht so abwegig zu einem mordgierigen Irren zu werden.“

„Da ist es, schon wieder.“, blaffte Lani ihn an, „es ist nicht meine Schuld, dass sie aus ihrem geliebten England wegmussten. Wenn Ihnen die Gegend hier nicht passt, dann hauen Sie doch wieder ab nach Upper Winslow oder wie die Käffer da alle heißen. Wir hier in Falkenbrunn sind stolz auf unsere Heimat und unser friedliches Zusammenleben.“, beleidigt schnappte sich Lani ihre Kamera und knipste Bilder von Leiche und Tatort, ehe Mathis und Nadja sie in ihre Transporttrage umbetteten und ins Institut fuhren …


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