Illusionen

Eine Nacht im Dezember

Herrlich prasselt das Kaminfeuer. 

Der Whiskey im Glas nimmt langsam die Handwärme an, besser geht es nicht. 

Ein Traum. Mehr als ein Traum. 

Ich nippe daran, ein wohliges Brennen breitet sich in mir aus. Ich starre ins Feuer, als plötzlich neben mir eine Stimme ertönt: 

„Was ist, wenn das Leben nicht mehr als eine Illusion ist?“

„Eine Illusion?“, erwidere ich. 

„Ja. Was, wenn das um uns herum alles gar nicht existiert oder nur für uns konzipiert wurde?“

„Wieso sollte das jemand tun?“, frage ich, nehme noch einen Schluck Whiskey und warte auf das wohlige Brennen. Es bleibt aus. Enttäuscht wende ich meinen Blick wieder ins Feuer. 

„Wer sollte das konzipiert haben?“

„Gott?“

„Gott?“, wiederhole ich stumpf die letzte Frage meines Sitznachbarn, der mir vertrauter ist als alle anderen Menschen um mich herum. 

„Gott ist auch nichts weiter als ein Filmemacher. Wie Christof in die Truman Show.

Wir alle sind alle Gottes persönliche Trumans. Er ist Drehbuchautor, Regisseur, Regie-Assistent, Dramaturg, Masken- und Kostümbildner, Kameramann, Licht- und Tontechniker, Produzent und Set-Designer deines Lebens. Was, wenn er uns zu seinem eigenen Vergnügen erschaffen hat? Wenn wir nichts weiter sind als kleine Spielfigürchen im großen Spiel des Lebens, ist dann nicht auch der Abschied nur eine Illusion?“

„Jetzt hör aber auf.“, ich seufze und blicke den Mann im Sessel neben mir an. „Spielfiguren im großen Spiel des Lebens“, zitiere ich ihn, „für wen hältst du dich, Buddha?“
„Ich bin der, für den du mich hältst.“

„Einen selbstgerechten Idioten. Der Glaube an Gott, ist eine bequeme Art, Verantwortung abzuschieben. Läuft etwas nicht so, wie geplant, ist Gott schuld.“


„Dir gefällt also der Film nicht, den Gott mit dir dreht?“

„Nein, er gefällt mir nicht.“, knurre ich. „Gott hat das Drehbuch ziemlich verschissen, wenn du mich fragst.“

„Ich frage dich aber nicht. Du musst dich selbst fragen, warum das so ist.“

„Weil er auch nur eine Illusion ist?“, frage ich mich laut. 

Mein Sitznachbar klatscht tatendurstig in die Hände. „Jetzt kommen wir der Sache näher!“

Er steht auf, gießt sich auch einen Scotch Soda ein und nimmt einen tiefen Schluck. Aus einer Kiste holt er zwei alte, kubanische Zigarren und reicht mir eine. 

Ich rauche nicht, nehme aus Kulanz aber an.  

Einen Drink später paffen wir an den Zigarren. Draußen fällt leise der Schnee auf das Kopfsteinpflaster. 

Ich beobachte versonnen die Flocken im Licht der warmgelben Straßenlaternen. 

„Aber wenn er nur Illusion ist, warum gibt es dann uns? Was haben wir Menschen dann für einen Sinn? Warum durchleben wir Hass, Wut, Trauer und Schmerz?“

„Es war ein Teil von uns und wird es immer sein. Da hat Gott nichts mit zu tun.“, sage ich. „Ohne Hass, Wut, Trauer und Schmerz gibt es keine Liebe, kein Glück, keine Leidenschaft. Manchmal glaube wirklich, Gott sitzt oben auf einer Wolke und hat einen Heidenspaß daran, uns Leiden zu sehen.“

„Also gibst du zu, dass es Gott gibt?“

Ich überlege einen Augenblick. „Deine Analogie ist wirklich faszinierend.“, sage ich schließlich. „Gott hat für jedes Leben, jeden Menschen eine andere Geschichte. Die Frage ist nur, ob Alfred Hitchcock oder Greta Gerwig. Schwarz-Weiß oder doch lieber schreiend bunt.“

„Jeder Film ist so individuell wie das Leben. So individuell wie Trauer, so individuell wie der Mensch. Und auch Filme sind letztlich nur Illusionen. Sie spielen uns eine Welt vor, die es so nicht gibt – und das führt uns wieder zurück zu Gott.“

Ich blicke ihn an. „Ist das jetzt für oder gegen Gott?“

Mein Sitznachbar zuckt mit den Schultern. „Was denkst du?“

„Ich denke gar nichts. Ich will nur, dass ich eines Tages aufwache und mein Leben ist nur eine Illusion. Oder das Gott den Sender wechselt.“

Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. „Dann frag ihn doch.“

Ich seufze, starre wieder in den flackernden Kamin, der plötzlich verschwunden ist. Aus dem Kamin wird die kleine Kerze in der Kirche, der Sessel weicht den harten Holzdielen, auf denen ich seit geraumer Zeit kniee und mein Sitznachbar ist nicht mehr da.

Alles ist nur Illusion. Ein Trugbild. 

Ein Traum. Mehr als ein Traum.   


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